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Komm, Schöpfer Geist

2007 – Herder, Fraiburg-Basel-Wien.

GELEITWORT

In der abendländischen Theologie hat das Thema »Heiliger Geist« lange Zeit – trotz mancher rühmlicher Ausnahmen wie zum Beispiel J. A. Möhler (17961838) – nur einen bescheidenen Raum eingenommen: Man konnte geradezu vom Heiligen Geist als dem unbekannten Gott sprechen. Das wurde mit der Neubesinnung des Zweiten Vatikanischen Konzils anders. Man hatte in den letzten Jahrzehnten vor dem Konzil ganz nachdrücklich die Inkarnation – die Fleischwerdung des Ewigen Wortes – als Zentrum aller Theologie herausgestellt, keineswegs zu Unrecht; nur war die Vorstellung von Inkarnation dabei zusehends zu eng geraten. Das wundervolle Geheimnis, daß Gott ins Materielle, in die sinnliche Welt, in unsere Welt herabsteigt, sich ihr eint, unter uns wohnt und Mensch wird, Mensch bleibt auf ewig, wurde mit gutem Grund als die frohmachende Neuheit des christlichen Glaubens angesehen.

Aber wo das Eingehen des Göttlichen in die Welt des Leibhaftigen und Materiellen nicht zusammen gesehen wird mit dem Osterereignis – mit der Verwandlung des »Fleisches« in Kreuz und Auferstehung -, da entsteht eine defizitäre Sicht Gottes und des Menschen. Inkarnation wurde nicht selten recht nah an Institution herangerückt. Möhler hat diese verengte Form von Inkarnationstheologie schon im vorigen Jahrhundert ironisch mit dem Wort charakterisiert: Gott schuf die Hierarchie und hat damit ein für alle Mal genug getan für die Kirche bis zum Ende der Zeiten.

In der erneuten Begegnung mit der Schrift und den Vätern wie in den ökumenischen Gesprächen, zu denen das II. Vaticanum Anlaß wurde, ist diese Engführung aufgebrochen worden zugunsten einer mehr von Ostern her geformten Vorstellung von Inkarnation und zugunsten einer verstärkten trinitarischen Öffnung der Christologie, um die sich dann auch mit Nachdruck der »Katechismus der katholischen Kirche« gemüht hat. Es wurde neu bewußt, wie eng Paulus und Johannes Christus und den Heiligen Geist zusammen sehen.

Denken wir nur an das herrliche – wenn auch manchmal mißverstandene – Wort des Zweiten Korintherbriefes: Der Herr ist der Geist (2 Kor 3,17); denken wir an die Abschiedsreden Jesu, in denen der Herr sein Wiederkommen mit dem Kommen des Heiligen Geistes unlösbar verbindet, sein Wort und das des Heiligen Geistes miteinander verknüpft: Der Geist der Wahrheit wird ins Ganze der jetzt noch nicht zu tragenden Wahrheit einführen und dabei nicht aus sich reden, sondern Christus verherrlichen, wie Christus nicht aus sich redet, sondern den Vater verherrlicht (vgl. Joh 16,13f.). Man begab sich auf die Suche nach einer »pneumatologischen« Christologie, und dies konnte nicht ohne Rückwirkung auf die Frömmigkeit bleiben, die nun mehr trinitarisch, mehr »geistlich« werden, Christus mehr von Ostern und vom Heiligen Geist her zu sehen lernen mußte.

Verschiedene Vorgänge haben nach dem Konzil diese ersten Anläufe weiter verstärkt. Zunächst war es besonders eine vertiefte Begegnung mit den Kirchen des Ostens und ihrer Theologie, die die Ausweitung des theologischen Horizonts auf die Gegenwart des Geistes hin förderte. Für die Praxis wurde wichtig, daß das in der protestantischen Welt entstandene Phänomen des Pentekostalismus in der Form der Charismatischen Erneuerungsbewegung nun auch in der katholischen Kirche – auf veränderte Weise-heimisch wurde.

Während einerseits eine Welle von Rationalismus und neuer Aufklärung die katholische Kirche erschütterte und sich vielfach wie ein Rauhreif auf das Leben des Glaubens legte, wurde in den Gemeinschaften der Charismatischen Erneuerung wie in anderen Bewegungen, die sich bildeten und sich als Gaben des Heiligen Geistes an die Kirche wußten, Pfingsten neu erlebt, Gegenwart des Geistes freudig erfahren. Schließlich gesellte sich ein dritter Faktor hinzu, der der Suche nach dem Heiligen Geist eine neue Thematik gab und freilich auch neue Fragen aufwirft. Im interreligiösen Gespräch wird nicht selten die Bindung an Christus als den einzigen Retter aller Menschen als Verengung aufgefaßt.

Das Thema Heiliger Geist scheint da weiträumigere Möglichkeiten anzubieten. So hat man zum Beispiel das Wort des heiligen Irenäus, der Sohn und der Geist seien die beiden Hände des Vaters, mancherorts dahin ausgelegt, daß es zwei »Ökonomien« Gottes in der Welt gebe – zwei Formen, wie Gott Menschen zum Heil führt: die christologische und die pneumatologische »Ökonomie«. Wenn die Kirche der Heilsbereich Christi sei, so seien die Religionen das Wirkfeld der anderen Hand- des Heiligen Geistes. Daß eine solche Trennung von Christus und Heiligem Geist dem Glauben der Schrift strikt entgegenläuft und nichts mit »pneumatologischer Christologie« zu tun hat, wie wir sie vom letzten Konzil her suchen, ist offenkundig. Aber der Anstoß zu fragen, wie Christus und Geist in der Geschichte zusammenwirken, welches der Radius des Heiligen Geistes und seine Weise von Gottes Anwesenheit in der Geschichte sei – dieser Anstoß kann doch auch zu fruchtbarer Besinnung führen.

Bedeutende theologische Werke über den Heiligen Geist, die nach dem Konzil entstanden sind, darf man als Frucht der Impulse des II. Vaticanums ansehen. In Deutschland sind es vor allem H. Mühlen und Chr. Schütz, die wichtige Beiträge zur Pneumatologie vorgelegt haben; zu erwähnen ist besonders auch die große Summe geschichtlicher und gegenwärtiger Erkenntnis über den Heiligen Geist, die uns Y. Congar geschenkt hat. Diese Werke bergen einen Reichtum an Erkenntnissen, verlangen aber nach einer Vermittlung auf das konkrete christliche Leben zu. An dieser Stelle ist das Buch von Raniero Cantalamessa angesiedelt.

Der Verfasser war zunächst Professor für die Geschichte der altchristlichen Literatur an der Katholischen Universität zu Mailand und hat in dieser Zeit eine Reihe von bedeutenden Arbeiten, besonders zur Geschichte der Christologie in der alten Kirche, vorgelegt. Er verzichtete dann auf die Professur, um sich ganz dem Dienst der Erneuerung der Kirche aus der Kraft des Heiligen Geistes zu widmen. Er ist mit der Charismatischen Bewegung verbunden, arbeitet aber auf vielfache Weise unabhängig davon für eine neue Gegenwart des Evangeliums Jesu Christi in unserer Zeit. In Italien ist er einer der meistgelesenen religiösen Schriftsteller, einer der geistigen Führer gläubiger und suchender Menschen.

Seine Bücher, seine Fernsehpredigten, seine Vorträge, seine Tätigkeit als Prediger des Päpstlichen Hauses haben ihn weitum bekanntgemacht. Was ihm im Leben des italienischen Katholizismus Gewicht gibt, ist aber letztlich seine überzeugende Gläubigkeit und der innere Reichtum seiner Werke, der sich gerade auch in diesem Buch über den Heiligen Geist zeigt. Man sieht auf den ersten Blick, über welch ungewöhnliche Kenntnis der Väter er verfügt und wie tief er aus dem Wort der Heiligen Schrift lebt. Aber er bleibt nicht bei den Vätern stehen, er kennt das Mittelalter und die Reformatoren; der Schatz seiner Zitate reicht bis zu afroamerikanischen Spirituals, zu nichtchristlichen Schriftstellern wie R. Tagore, und er nimmt Beispiele aus der Computerwelt, so daß von einer scheinbar gottfernen Zone unseres Lebens her überraschende Einsichten aufleuchten.

Nie bleibt er-bei aller Sorgfalt des Umgangs mit den Texten-beim bloß Historischen stehen; im Vergangenen deckt er Gegenwart auf, und scheinbar ganz ferne Begriffe werden plötzlich praktisch, werden vollziehbare Wegweisungen für unser Leben. Das Werk ist als Kommentar zu dem Heilig-GeistHymnus »Veni Creator Spiritus« des deutschen mittelalterlichen Theologen Rhabanus Maurus (780-856) gebaut, aber es ist doch nicht ein Werk über einen Text, sondern ein Werk über den Heiligen Geist selbst.

Ich freue mich, daß das Buch in der sorgsamen Übertragung von I. Stampa nun in deutscher Sprache vorliegt und hoffe, daß es, wie in Italien, auch in den deutschsprachigen Ländern viele Leser findet, denen es zu persönlicher Begegnung mit dem Heiligen Geist, mit dem lebendigen Gott verhelfen kann.

Rom, Pfingsten 1999
JOSEPH CARDINAL RATZINGER

EINFÜHRUNG

Das Jahr Zweitausend wird in den christlichen Kirchen des Westens mit dem feierlichen Gesang des Veni creator beginnen. Genauso, wie – seit den ersten Jahrzehnten des zweiten Jahrtausends-jedes neue Jahr, jedes Jahrhundert, jedes Konklave, jedes ökumenische Konzil, jede Synode, jede wichtige Versammlung im Leben der Kirche, jede Priester- oder Bischofsweihe und in der Vergangenheit auch jede Königskrönung begonnen hat. Seit dieser Hymnus im IX. Jahrhundert komponiert wurde, ist er in der Christenheit lateinischer Prägung ununterbrochen erklungen, vor allem am Pfingstfest – wie eine ausgedehnte, besonders feierliche Epiklese über die ganze Menschheit und die Kirche.

Das ist natürlich nicht die einzige Verbindung zwischen dem Heiligen Geist und dem Jubiläum des Jahres Zweitausend. Das Jubiläum ist ein geistliches Ereignis, vor allem, weil es »durch das Wirken des Heiligen Geistes« geschah, daß das Wort Fleisch annahm aus der Jungfrau Maria. Das war jener Moment, in dem der Paraklet sich der Welt am deutlichsten als Schöpfer-Geist offenbarte. Der heilige Ambrosius sagte: »Wir können nicht bezweifeln, daß jener Geist Schöpfer ist, von dem wir wissen, daß er der Urheber der Inkarnation des Herrn ist.« (1) Er ist – gemeinsam mit dem Vater – der große Protagonist dieses Augenblicks der Geschichte. In gewissem Sinne ist das Jubiläum des Jahres Zweitausend fast mehr ein Fest des Heiligen Geistes als das Fest Jesu!

Wie alles, was aus dem Geist kommt, hat sich das Veni creator durch seine Verwendung nicht verbraucht, sondern angereichert. Wenn die Schrift, wie der heilige Gregor der Große sagt, »dadurch, daß sie gelesen wird, gewinnt« (2), hat das Veni creator wie andere ehrwürdige Texte der Liturgie in den Jahrhunderten dadurch gewonnen, daß es gesungen wurde. Es hat sich aufgeladen mit all dem Glauben, der Frömmigkeit und dem brennenden Verlangen nach dem Geist, das die Generationen in sich trugen, die es vor uns gesungen haben. Und wegen der Gemeinschaft der Heiligen hört Gott es nun so, in dieser gewaltigen »Orchestrierung«, auch wenn es von dem ärmlichsten Chor der Gläubigen gesungen wird.

Aus all diesen Gründen ist es wichtig, daß man, nachdem man diesen Gesang in angemessener Weise »erinnert« oder »rekapituliert« hat, vorbereitet zu dem Moment gelangt, an dem mit ihm der Heilige Geist auf das sich eröffnende Jahrtausend herabgerufen wird. Diesem Zweck möchten die Seiten des vorliegenden Buches dienen.

Angaben zum Ursprung des Hymnus werden im Laufe der verschiedenen Meditationen – besonders der letzten – gemacht werden. Für den Augenblick genügt es, einige wesentliche Daten zu kennen. Als Autor des Veni creator wird heute mit der größten Wahrscheinlichkeit der Abt von Fulda und Erzbischof von Mainz, Rhabanus Maurus, angesehen, der zwischen dem Ende des VIII. und der ersten Hälfte des IX. Jahrhunderts lebte, einer der größten Theologen seiner Zeit und hervorragender Kenner der Väter. Das erste Zeugnis einer offiziellen Verwendung des Hymnus gibt es in den Berichten über das Konzil von Reims aus dem Jahre 1049: »Beim Einzug des Papstes in die Aula sang der Klerus mit großer Andacht den Hymnus Veni creator Spiritus.« (3) In einigen Ortskirchen und Klöstern dürfte der Hymnus zwar schon seit längerem in Gebrauch gewesen sein; aber von diesem Zeitpunkt an hat er sich einen festen Platz in der Liturgie der ganzen Kirche erobert.

Das Veni creator ist ein äußerst ökumenischer Text, und auch das trägt dazu bei, ihn für die Epoche, in der wir leben, als besonders geeignet erscheinen zu lassen. Es ist der einzige antike lateinische Hymnus, der von allen großen, aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen übernommen worden ist. Luther selbst besorgte eine Übersetzung. Von Anfang an wurde der Hymnus in der anglikanischen Kirche in den Ritus der Bischofsweihe aufgenommen, und an Pfingsten nimmt er auch in der Hymnologie der Kirchen calvinistischen Ursprungs einen Ehrenplatz ein. Das Veni creator ermöglicht also allen Christen, in der Anrufung des Heiligen Geistes vereint zu sein; schließlich ist er es, der uns zur vollen Einheit führen muß, wie er uns auch zur vollen Wahrheit führt.

Aber das Veni creator hat auch außerhalb des kirchlichen Bereiches in der Kultur einen ungewöhnlichen Erfolg genossen. Goethe verfasste eine glänzende deutsche Version, wie auch die Dichter und Mystiker Tersteegen und Angelus Silesius. Die Musiker interessierten sich dafür. Bach hat die Übersetzung Luthers vertont; Gustav Mahler wählte es als Text für seine Symphonie der Tausend, ganz zu schweigen von den vielen anderen, weniger bekannten Komponisten. Keiner von ihnen ist jedoch bisher dem schlichten Reiz der gregorianischen Melodie gleichgekommen, die gemeinsam mit den Worten in einem einzigen Guß entstanden zu sein scheint. Wenn man diese Melodie zu Beginn eines Exerzitienkurses oder einer Pastoralversammlung hört, ist es, als trete man sofort in eine Atmosphäre ein, die erfüllt ist von Geheimnis und Suggestion des Geistes.

Dieses hier ist jedoch nicht ein Buch über das Veni creator, sondern über den Heiligen Geist! Der Hymnus ist nur die Landkarte, mit der wir uns zur Entdeckung des Territoriums aufmachen. Wenn man heute eine Fremdsprache schnell erlernen will, greift man auf die Methode des sogenannten »totalen Eintauchens« (full immersion) zurück. Für eine bestimmte Zeitspanne meidet man jede Gelegenheit, die eigene oder eine andere Sprache zu sprechen. Man spricht, man hört und man denkt ausschließlich in jener Sprache; man »taucht« völlig in die Kultur und die Bräuche der Menschen ein, die sie sprechen. Dasselbe wollen wir tun, die wir die Sprache des Heiligen Geistes erlernen möchten- eine »Fremdsprache« für uns, die wir Fleisch sind und die Sprache des Fleisches sprechen!

Wenn die Worte des Veni creator einerseits die Auslese der biblischen Offenbarung und der patristischen Tradition über den Heiligen Geist zusammenfassen, erweisen sie sich andererseits, gerade weil sie alle der Bibel entnommen sind, als »offene Strukturen« und als fähig, das aufzunehmen, was die Kirche in der Zwischenzeit an Neuem vom Geist erlebt und entdeckt hat. Denselben Ablauf werden unsere Überlegungen verfolgen. jedesmal werden wir von der reichen biblischen und theologischen Basis ausgehen, die im Hymnus kodifiziert ist, um uns dann den neuen Perspektiven zu öffnen und – vor allem – um aus der Lehre Anregungen für das Leben zu gewinnen. Die Worte unseres Hymnus sind wie Waben voller Honig; unsere Aufgabe gleicht der des Imkers, wenn er den Honig ausschleudert.

Das Veni creator ist jedoch nicht bloß ein schöner Hymnus, reich an eindrucksvollen Anregungen. In ihm ist eine grandiose theologische Anschauung über den Heiligen Geist in der Heilsgeschichte enthalten, die – wie ich hoffe – im Laufe der Lektüre immer deutlicher in Erscheinung treten wird. Mit dem Vorteil, daß es betende Theologie ist, erschlossen durch die Doxologie, den einzigen Schlüssel, mittels dessen man in angemessener Weise vom Geist sprechen kann.

Aus welchen Quellen hat der Autor beim Schreiben seines Hymnus geschöpft, und aus welchen schöpfen wir heute, wenn wir ihn kommentieren? Für den Vater steht uns neben der Schrift die Philosophie zur Verfügung – auch sie kann uns einiges über Gott sagen; für den Sohn hilft uns außer der Schrift die Geschichte, denn er hat Fleisch angenommen und ist sichtbar in unsere Geschichte eingetreten. Aber für den Heiligen Geist, auf was greifen wir – abgesehen von der Schrift – zurück? Die Antwort ist: die Erfahrung!

Nicht nur die persönliche Erfahrung jedes einzelnen Gläubigen, sondern auch und vor allem die Erfahrung, die im Laufe der Jahrhunderte die Kirche mit ihm gemacht hat und die sich Tradition nennt. Wenn »das Gesetz Christus in sich trug wie in einer Schwangerschaft« – wie die Väter sich ausdrückten -, dann ist die Kirche schwanger mit dem Heiligen Geist! Was wir brauchen, sind behutsame Hände wie die einer Amme, um diese Früchte des Geistes, die in ihr reifen, ans Licht zu bringen.

Und wiederum nicht nur die Erfahrung, die die Kirche in der Vergangenheit vom Geist gemacht hat, sondern auch jene, die sie heute macht. In unserem Jahrhundert ist etwas entstanden, das als »die Bewegung des Erwachens des Geistes in größeren Ausmaßen als in der gesamten Geschichte der Christenheit« definiert worden ist. Das hat eine neue, günstigere Situation geschaffen, um vom Geist zu sprechen, die auf diesen Seiten eingehend genutzt werden wird. Um dem ökumenischen Charakter des Veni creator treu zu bleiben, werden wir uns bemühen, nicht nur aus der katholischen Tradition zu schöpfen, sondern auch aus der orthodoxen und der protestantischen. Es wird also eine Art »dreistimmiger« Gesang sein.

Um vom Heiligen Geist zu sprechen, sind das Symbol, das Bild, der Gesang, die Prophetie und die Poesie vielleicht die geeigneteren Mittel als Begriffe und Argumentation. Darum werden wir besonders in den am Ende jedes Kapitels wiedergegebenen Texten viel Raum lassen für die Hymnographie der verschiedenen christlichen liturgischen Traditionen, wo all jene Formen breitere Anwendung finden. Noch größeren Raum werden wir aber den Zeugnissen der Heiligen geben, weil wir der gleichen Überzeugung sind wie der heilige Basilius, der sagte: »Der Geist ist der Ort der Heiligen, und der Heilige ist der Ort des Geistes.« (4) Der oder die Heilige ist der »Ort« schlechthin, an dem sich der »Heilige« Geist offenbart.

Der Originaltitel des Buches lautet: »Il canto dello Spirito« (Der Gesang vom Heiligen Geist), weil es sich um einen Kommentar zum Veni creator handelt, das der Gesang vom Heiligen Geist schlechthin war und immer noch ist (eine Art Te Deum und Gloria zu Ehren des Heiligen Geistes, der leider in diesen beiden trinitarischen Gesängen fast völlig unerwähnt bleibt); aber auch, weil im Moment des Eintritts in das neue Jahrtausend das Buch selbst ein bescheidener Dank- und Lobgesang auf den Geist sein möchte. Der Titel der deutschen Ausgabe, »Komm, Schöpfer Geist«, unterstreicht, indem er die Epiklese der ersten Verszeile des Hymnus aufnimmt, ein weiteres Anliegen dieses Buches: in vielen Herzen das Verlangen zu entfachen, sich vom Heiligen Geist führen und erfüllen zu lassen »Singet dem Herrn ein neues Lied«, sagt die Schrift mehrfach. Ist es möglich, heute ein »neues« Lied auf den Geist zu singen? Was können wir heute Neues über ihn sagen, das nicht schon gesagt worden wäre? Ja, es ist möglich, denn er macht alles neu; seine persönliche Gegenwart ist Neuerung. Der Heilige Geist ist selbst das immer neue Lied der Kirche! Er »verjüngt« alles, was er berührt, auch die alten Worte, die die Menschen über ihn zu stammeln versucht haben. Darum mache ich mir die Worte zu eigen, mit denen Gregor von Nazianz ein Gedicht zu Ehren des Heiligen Geistes begann: »Und nun, mein Herz, was zögerst du? Des Geistes Ruhm sollst du besingen«. (5)

(1) Ambrosius, Über den Heiligen Geist, II, 5, 41.
(2) Gregor der Große, Moralischer Kommentar zum Buch Ijob, XX, 1 (CC 143 A, S. 1003).
(3) Vgl. Mansi, Sacrorum Conciliorum Collectio, XIX, Venedig 1774, S. 740.
(4) Basilius der Große, Über den Heiligen Geist, XXVI, 62 (PG 32, 184 A).
(5) Gregor von Nazianz, Dogmatische Gedichte, III (PG 37, 408 A).