|
|
| Homilien |
| Ein Mann, der seit seiner Geburt blind war |
|
|
4. Fastensonntag
A - 2008-03-02 |
| |
1 Sam 16,1b.4a.6-7.10-13; Eph 5,8-14; Joh 9,1-41
Die Heilung des Mannes, der seit seiner Geburt blind war, geht uns sehr nahe, da wir ja in einem gewissen Sinn alle von Geburt an blind sind. Die Welt selbst ist blind geboren worden. Geht es nach dem, was uns heute die Wissenschaft sagt, so gab es für Millionen von Jahren Leben auf der Erde, aber Leben in einem „Blindzustand“: Es gab noch kein Auge, das etwas hätte sehen können, ja das Sehen selbst existierte noch nicht.
Das Auge in seiner Komplexität und Vollkommenheit ist eine jener Funktionen, die sich sehr langsam entwickelt haben. Und die gleiche Situation stellt sich bis zu einem gewissen Grad im Leben jedes Menschen ein. Das Kind kommt zwar nicht blind, aber doch unfähig zur Welt, die Umrisse der Dinge zu erkennen. Erst nach ein paar Wochen beginnt es, die Dinge schärfer zu sehen. Wäre das Kind imstande, das auszudrücken, was es empfindet, wenn es das Gesicht der Mutter, die Menschen, die Dinge, die Farben klar zu sehen beginnt – welches „Ah!“ voller Verwunderung wäre da zu hören! Welch eine Hymne an das Licht und an die Sehfähigkeit!
Das Sehen ist ein Wunder. Nur ist es so, dass wir nicht darauf achten, da wir uns daran gewöhnt haben und es als selbstverständlich hinnehmen. Und siehe da: Gott wirkt manchmal dasselbe auf plötzliche, außerordentliche Weise, um uns aus unserem Dämmerzustand zu rütteln, damit wir Acht geben. Das ist es, was er mit der Heilung des Blindgeborenen und der anderen Blinden im Evangelium tut.
Heilt aber Jesus den Blindgeborenen nur aus diesem Grund? Es gibt noch einen Grund dafür, warum wir blind geboren sind: Über das materielle Auge hinaus gibt es ein anderes Auge, das sich noch in der Welt öffnen muss: das Auge des Glaubens! Dieses gestattet es, eine andere Welt jenseits derer auszumachen, die wir mit den physischen Augen sehen: die Welt Gottes, des ewigen Lebens, die Welt des Evangeliums – jene Welt, die kein Ende hat, ja nicht einmal, wenn diese Welt zu Ende geht.
Daran wollte uns Jesus mit der Heilung des jungen Blindgeborenen erinnern, den er zum Brunnen von Schiloach sandte. Damit wollte Jesus sagen, dass dieses andersartige Auge des Glaubens sich mit der Taufe zu öffnen beginnt – wenn wir das Geschenk des Glaubens empfangen. Aus diesem Grund wurde die Taufe auch einmal als „Erleuchtung“ bezeichnet, und getauft werden bedeutete „erleuchtet werden“.
In unserem Fall geht es nicht darum, ganz allgemein an Gott zu glauben, sondern darum, an Christus zu sorgen. Dieses Ereignis, das wir vor uns haben, dient dem Evangelisten, um uns zu zeigen, wie man zu einem vollen und reifen Glauben an den Sohn Gottes gelangt.
Das Wiedererlangen des Augenlichts seitens des Blinden geht einher mit seiner Entdeckung, wer Jesus ist. Anfangs ist Jesus für den Blinden nichts anderes als ein Mensch: „Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig…“ Auf die Frage: „Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet?“, antwortet der Mann später: „Er ist ein Prophet.“ Er ist einen Schritt weiter gekommen. Er hat nun erkannt, dass Jesus ein Gesandter Gottes ist, der in dessen Namen spricht und handelt. Als er schließlich Jesus erneut begegnet, ruft er ihm zu: „Ich glaube, Herr!“, und wirft sich vor ihm nieder, um ihn anzubeten. So erkennt er ihn offen als seinen Herrn und Gott an.
Indem der Evangelist alles ganz detailliert beschreibt, ist es, als lade uns Johannes auf sehr diskrete Weise dazu ein, uns eine Frage zu stellen: „Und ich, an welchen Punkt bin ich auf diesem Weg angelangt? Wer ist Jesus von Nazareth für mich?“
Dass Jesus ein „Mensch“ ist, leugnet keiner. Dass er ein „Prophet“ war, ein Gesandter Gottes, auch dies wird allgemein anerkannt. Viele bleiben aber an diesem Punkt stehen. Doch das reicht nicht. Auch ein Moslem, wenn er konsequent mit dem ist, was im Koran steht, erkennt Jesus als Propheten an. Das heißt aber nicht, dass er sich deshalb für einen Christen hält. Der „Sprung“, durch den im wahrsten Sinn dieses Wortes zum Christen wird, geschieht, wenn man – wie der Blindgeborene – Jesus, den „Herrn“, verkündet und ihn als Gott anbetet.
Der christliche Glaube besteht nicht in erster Linie darin, „an etwas zu glauben“ (dass es Gott gibt, dass es ein Jenseits gibt…), sondern im Glauben „an jemanden“. Jesus legt uns im Evangelium keine Liste von Dingen vor, die zu glauben sind. Vielmehr sagt er: „Glaubt an Gott, und glaubt an mich“ (Joh 14,1). Für die Christen heißt glauben, an Jesus Christus glauben.
[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]
|
| |
|
| |
|
|