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„Wenn der Paraklet kommt...“ (Joh 15, 26)
2004-05-31- Kloster Schwarzenberg
1. Ein aus der Erfahrung geborener Name

Woher hat der Evangelist Johannes die Bezeichnung „Paraklet“ entnommen? Wir können nicht beweisen, daß er sie aus dem Munde Jesu selbst aufgenommen hat, aber auch das Gegenteil können wir nicht beweisen. Jesus hatte im Leben und als Auferstandener mehrmals vom Heiligen Geist gesprochen. Können wir von vornherein ausschließen, daß er einmal ein Wort, ein Bild, einen Vergleich gebraucht hat, den der Evangelist aufgegriffen oder gekannt und ins Zentrum seiner Reflexion gestellt hat?

Der Name und die Idee des Parakleten ist, auf den Heiligen Geist angewendet, im übrigen gar nicht so merkwürdig und eigenartig. Es ist sogar der Zielpunkt eines ganzen biblischen Gedankenstranges. Im Alten Testament ist Gott der große Tröster seines Volkes, derjenige, der erklärt: „Ich bin dein Tröster“, wörtlich im Text der Septuaginta: „dein Paraklet!“ (Jes 51, 12).

Diese Tröstung Gottes, oder dieser „Gott des Trostes“ (Röm 15, 5) hat sich „inkarniert“ in Jesus Christus, der sich als erster Tröster oder Paraklet definiert (vgl. Joh 14, 16). Da der Heilige Geist darin wie in jedem anderen Bereich derjenige ist, der das Werk Christi fortsetzt und die gemeinsamen Werke der Trinität zur Vollendung führt, mußte auch er zwangsläufig als Tröster bezeichnet werden, als der „andere Tröster“, wie eben Jesus ihn nennt.

Es gibt jedoch noch eine andere Quelle, der diese Bezeichnung sicherlich ihren Ursprung und ihre Bedeutsamkeit verdankt, und das ist die Erfahrung der Kirche. Die gesamte Kirche hat nach Ostern eine lebendige und machtvolle Erfahrung des Geistes als Tröster gemacht, als Verteidiger und Verbündeter in äußeren und inneren Schwierigkeiten, in den Verfolgungen, in den Prozessen und im täglichen Leben. In der Apostelgeschichte lesen wir:

„Die Kirche […] wuchs und lebte in der Furcht vor dem Herrn, erfüllt vom Trost (paraclesis!) des Heiligen Geistes“ (vgl. Apg. 9, 31).

Diese Worte bleiben unerklärlich, wenn man nicht eine erlebte und gemeinsam anerkannte Erfahrung voraussetzt. Der Evangelist spielt selbst auf diese Erfahrung des Geistes als Quelle seiner Kenntnis an, als er Jesus diesbezüglich sagen läßt:

„Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird“ (Joh 14, 17).

Das, was zwischen den Jüngern und dem Heiligen Geist nach Ostern geschieht, gibt Grund zum Staunen. Man kann nicht anders, als darin ein machtvolles Handeln Gottes erkennen. Was aus dem Alten Testament über den Geist Gottes bekannt war, ist absolut nicht imstande, all das zu erklären, was nun von ihm gesagt wird. Auf allen Ebenen nimmt die Kirche den Geist wahr als eine Gegenwart, eine vertraute Wirklichkeit, „zu ihr gehörend“. Wer hatte den Heiligen Geist gesehen? Und doch sprechen alle von ihm wie von einer wohlbekannten Wirklichkeit, auf ihn führt man jedes Ereignis zurück, vom kleinsten bis zum größten.

Was anderes als die von Jesus überbrachte Offenbarung und ihre Bestätigung in der Erfahrung kann eine solche Tatsache rechtfertigen? Wir befinden uns hier vor dem Mysterium des Geistes. Der Paraklet führt einfach Punkt für Punkt aus, was Jesus über ihn vorhergesagt hatte.

2. Beistand, Tröster und Geist der Wahrheit

Unter Berücksichtigung der verschiedenen Zusammenhänge, in denen der Begriff Paraklet in und außerhalb der Bibel erscheint, kann er Fürsprecher oder Beistand bedeuten (wie in 1Joh 2, 1, wo er auf Christus bezogen ist), oder auch Tröster, wie aus dem entsprechenden Verb und dem Substantiv hervorgeht, die eben trösten und Trost bedeuten: „Tröstet, tröstet (parakaleite) mein Volk“ (Jes 40, 1).

Die Tradition hat die Mehrdeutigkeit des Ausdrucks aufgegriffen und Paraklet einmal als Beistand oder Verteidiger, einmal als Tröster interpretiert. Die Sache wird offenkundig mit dem Schritt in die lateinische Welt, wo man bei der Übersetzung des griechischen Ausdrucks gezwungen ist, die eine oder die andere Bedeutung zu wählen. Einige übersetzen Paraklet mit Beistand, andere mit Tröster, wieder andere mit dem einen und dem anderen Begriff zusammen1.

In den ersten Jahrhunderten, als die Kirche unter Verfolgung stand und täglich die Erfahrung von Prozessen und Verurteilungen machte, sah man im Paraklet vor allem den Beistand oder Anwalt und den göttlichen Verteidiger.

Die Rolle des Anwalts in den menschlichen Prozessen wurde im übrigen als Teil einer Verteidigung von ganz anderer Tragweite angesehen: jener, die der Paraklet vor dem Gericht Gottes übernimmt gegen den „Ankläger unserer Brüder, der sie bei Tag und bei Nacht vor unserem Gott verklagte“ (Offb 12, 10). Im Gedanken an diese Rolle des Heiligen Geistes schreibt der heilige Irenäus: Gott hat der Kirche den Parakleten gegeben, „damit wir dort, wo wir den Ankläger haben, auch den Verteidiger hätten“2.

Mit dem Ende der Verfolgungen ist eine Verschiebung des Schwerpunktes zu beobachten. Die gewöhnliche Bedeutung von Paraklet wird Tröster. Der heilige Bonaventura stellt die Tröstung der Welt und jene des Geistes einander gegenüber:

„Die Tröstung des Geistes ist wahr, vollkommen und angemessen. Sie ist wahr, weil der Geist die Tröstung dort erweist, wo sie anzuwenden ist, nämlich für die Seele und nicht für das Fleisch, was hingegen die Welt tut, die das Fleisch tröstet und die Seele betrübt, gleich wie ein schlechter Herbergsvater, der das Pferd pflegt und den Reiter vernachlässigt; sie ist vollkommen, weil er in jeder Bedrängnis tröstet, nicht wie die Welt, die, indem sie eine Tröstung gibt, zwei Bedrängnisse verschafft, vergleichbar einem, der einen alten Mantel flickt und indem er ein Loch stopft, zwei andere aufreißt; sie ist angemessen, weil er dort, wo eine stärkere Bedrängnis herrscht, eine größere Tröstung verleiht, nicht wie die Welt, die im Wohlstand tröstet und schmeichelt und im Unglück verlacht und verurteilt“3.

Das gleiche Empfinden übermittelt die Pfingst-Sequenz, die mehr oder weniger in dieser Periode, dem XIII. Jahrhundert, verfaßt worden ist, wenn sie den Heiligen Geist consolator optime, „vollkommener Tröster“ nennt.

Aber die Begriffe Beistand und Tröster erschöpfen weder einzeln noch zusammengenommen die Bedeutung von Paraklet im vierten Evangelium. Man kann Paraklet nicht erklären, indem man nur den Namen berücksichtigt; man muß auch die Funktionen beachten, die ihm zugeschrieben werden. „Der Paraklet ist das, was er tut“4.

Zwei Dinge gehen in aller Deutlichkeit aus den Texten über den Paraklet hervor: der Paraklet steht im Dienst der Wahrheit, und er steht im Dienst Jesu. Die verschiedenen Tätigkeiten, die dem Paraklet zugeschrieben werden – lehren, erinnern, bezeugen, überzeugen, zur Wahrheit führen, ankündigen –, weisen darauf hin, daß seine wichtigste Rolle die doktrinale oder die des Lehrens ist, und daß sein Hauptgebiet das der Erkenntnis ist. Es scheint, als wolle Johannes beinahe den Begriff Paraklet mit „Geist der Wahrheit“ übersetzen.

3. Selbst Paraklet werden

Mit dem Begriff Paraklet berühren wir demnach in gewissem Sinne den Gipfel der Offenbarung über den Heiligen Geist. Er ist nicht nur „etwas“, sondern „Jemand“. Einer, der in uns bleibt, eine Gegenwart, ein Gesprächspartner, ein Verteidiger, Freund, Tröster, der „liebenswürdige Gast der Seele“, wie ihn die Pfingst-Sequenz nennt. Derjenige, der der „untrennbare Gefährte“ Jesu schon während dessen irdischen Lebens war5, und der das nun auch für einen jeden von uns sein will. Alles Beste und Liebenswürdigste, was sich ein Mensch von einem anderen Menschen erwarten kann, und unendlich viel mehr, findet sich in ihm. Hier findet unsere Betrachtung des Geistes eine unerschöpfliche Weide. Ein großer mittelalterlicher Kontemplativer schreibt:

„Für die Kinder der Gnade und für die Armen im Geiste ist er der Beistand im Exil des gegenwärtigen Lebens, der Tröster, die Kraft in den Widerwärtigkeiten, die Hilfe in den Bedrängnissen. Er ist es, der lehrt, wie man beten muß, der den Menschen dazu bringt, sich Gott anzuschließen, der ihn Gott wohlgefällig macht und würdig, erhört zu werden“6.

Nun bleibt uns die Aufgabe, aus unserer Betrachtung des Praklet eine praktische und wirksame Konsequenz zu ziehen. Es genügt nämlich nicht, die Bedeutung von Paraklet zu erforschen, und auch nicht, den Heiligen Geist mit diesem wunderschönen Namen zu ehren und anzurufen. Es ist nötig, daß wir selbst Parakleten werden! Wenn es wahr ist, daß der Christ ein alter Christus, ein anderer Christus sein muß, dann ist es ebenso wahr, daß er ein „anderer Paraklet“ sein muß. Dieses ist eine Bezeichnung, die man nicht nur verstehen, sondern die man nachahmen und leben muß.

Durch den Heiligen Geist ist die Liebe Gottes in unsere Herzen ausgegossen worden (vgl. Röm 5, 5), das heißt sowohl die Liebe, mit der wir von Gott geliebt werden, als auch die Liebe, die uns fähig macht, unsererseits Gott und den Nächsten zu lieben. Auf die Tröstung bezogen – die Form, die die Liebe angesichts des Leidens einer geliebten Person annimmt – sagt uns dieses Wort des Apostels dann etwas äußerst Wichtiges: daß der Paraklet nicht nur uns tröstet, sondern daß er uns drängt zu trösten und uns fähig macht, zu trösten. Paulus schreibt selbst:

„Gepriesen sei der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes. Er tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden“ (2Kor 1, 3-4).

Das griechische Wort, von dem der Name Paraklet abgeleitet wird, kehrt – mal als Verb, mal als Substantiv – ganze fünfmal in diesem Text wieder. Er enthält das Wesentliche für eine Theologie des Trostes. Der Trost kommt von Gott, der der „Vater allen Trostes“ ist. Er kommt über den, der in Not ist. Aber er bleibt nicht bei ihm stehen; sein letztes Ziel ist erreicht, wenn derjenige, der den Trost erfahren hat, sich seiner bedient, um seinerseits andere zu trösten.

Aber wie trösten? Das ist das Wichtige: Durch denselben Trost, mit dem er von Gott getröstet worden ist; durch einen göttlichen Trost, nicht durch einen menschlichen. Nicht indem man sich damit begnügt, sterile Floskeln zu wiederholen, die alles beim Alten lassen („Nur Mut, nicht verzagen; du wirst sehen, daß alles noch gut ausgeht!“), sondern indem man den echten Trost spendet, der aus der Schrift kommt, und der fähig ist, die Hoffnung lebendig zu halten (vgl. Röm 15, 4). So sind die Wunder zu erklären, die ein einfaches Wort oder eine Geste an einem Krankenbett bewirken kann, wenn beides aus einer Gebets-Atmosphäre und aus dem Glauben an die Gegenwart des Geistes entspringt. Gott ist es, der durch dich tröstet.

In gewissem Sinne hat der Heilige Geist uns nötig, um Paraklet zu sein. Er will trösten, verteidigen, ermahnen; aber er besitzt keinen Mund, keine Hände, keine Augen, um seinem Trost „Gestalt“ zu verleihen. Oder besser: er hat unsere Hände, unsere Augen, unseren Mund. Wie die Seele durch die Glieder unseres Körpers handelt, sich bewegt, lächelt, so tut es der Heilige Geist mit den Gliedern „seines“ Leibes, der die Kirche ist, und der wir sind. „Tröstet euch gegenseitig“, empfiehlt Paulus den ersten Christen (vgl. 1Thess 5, 11), und wörtlich übersetzt bedeutet das Verb: „macht euch gegenseitig zu Parakleten“.

Diese Bezeichnung hat dem Klerus – Priestern, Ordensleuten und Bischöfen – und auch den Eheleuten etwas Besonderes zu sagen. Vor geraumer Zeit habe ich die Hochzeit eines befreundeten Paares zelebriert. Meine ganze Predigt stand unter dem Thema des Parakleten, und ich habe den Brautleuten gesagt, daß sie für einander Paraklet sein müssen, das heißt Tröster und Verteidiger sowohl innerhalb des Hauses gegenüber den Kindern und den jeweiligen Familien, als auch außerhalb des Hauses. Ich muß wohl in diesem Moment unter der Einwirkung des Heiligen Geistes und mit besonderer Überzeugung gesprochen haben, denn nie hat eine meiner Hochzeits-Predigten eine solche Resonanz ausgelöst wie jene damals. Noch nach Jahren sagt dieses Ehepaar, daß das Bild des Parakleten sie begleitet und trägt.

Doch auch für den Klerus – welch eine Berufung ist in dieser Bezeichnung enthalten! Inmitten des Gottesvolkes Verteidiger und Tröster zu sein! Ich glaube, daß Gott heute zu den Hirten der Kirche dasselbe sagt, was er zu den Propheten im Alten Testament sagte: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ (Jes 40, 1), was wörtlich übersetzt heißen müßte: Seid Tröster (parakaleite) für mein Volk!“ Kardinal Newman sagte in einer Rede zum Volk:

„Durch unser eigenes Leid, durch unseren eigenen Schmerz, mehr noch: durch unsere eigenen Sünden belehrt, wird unser Sinn und unser Herz vorbereitet sein zu jeglichem Werk der Liebe denen gegenüber, die es nötig haben. Je nach unserer Fähigkeit werden wir Tröster nach dem Bild des Parakleten sein, und zwar in sämtlichen Bedeutungen dieses Wortes: Anwälte, Helfer, Trostbringer. Unsere Worte und unsere Ratschläge, unsere Art des Handelns, unsere Stimme, unser Blick, alles wird freundlich und beruhigend sein“7.

Wenn der Trost, den wir vom Geist erhalten, nicht von uns auf andere übergeht, wenn wir ihn egoistisch für uns allein behalten wollen, verdirbt er schnell. Das ist der Grund, warum ein schönes Gebet, das Franz von Assisi zugeschrieben wird, sagt:

„Möge ich trachten, nicht daß ich getröstet
werde, sondern daß ich tröste;
nicht daß ich verstanden werde, sondern daß ich verstehe,
nicht daß ich geliebt werde, sondern daß ich liebe…“.


1 Tertullian, Über das Fasten, 13, 5 (CC 2, S. 1272); Hilarius von Poitiers, Traktat über die Psalmen, 125, 7 (CSEL 22, S. 610); Augustinus, In Iohannis Evangelium Tractatus, 94, 2.

2 Irenäus, Gegen die Häresien (Adversus haereses), III, 17, 3.

3 Bonaventura, Sermones Domenicales. Sonntag in der Oktav von Himmelfahrt, II (Quaracchi, IX, S. 329).

4 Vgl. E. Cothenet, Esprit Saint, DBSuppl., Fasz. 60, 364.

5 Basilius der Große, Über den Heiligen Geist (De Spiritu Sancto), XVI, 39 (PG 32, 140C).

6 Wilhelm von St.-Thierry, Rätsel des Glaubens (Aenigma fidei), 100 (PL 180, 440 C).

7 J.H. Newman, Parochial and plain Sermons, Bd. V, Londra 1870, S. 300f.
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