P. Raniero Cantalamessa, ofmcap
Home > Artikel und Vorträge > 2004-05-30
Andere Sprache Auf diese Web-Site hinweisen Drucken Zurück
P. Raniero Cantalamessa, ofmcap
 
Raniero Cantalamessa, OFMCap Home
Raniero Cantalamessa, OFMCap Predigten im
Päpstlichen Haus
Raniero Cantalamessa, OFMCap
Homilien
Raniero Cantalamessa
Artikel und Vorträge
Raniero Cantalamessa, OFMCap Video
Raniero Cantalamessa, OFMCap Audio
Raniero Cantalamessa, OFMCap Bibliographie
Raniero Cantalamessa, OFMCap Fotogalerie
Raniero Cantalamessa, OFMCap Andere Sprache
 
Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt
2004-05-30- Bamberg

1. Eine gegenseitige Einladung

„Der Geist und die Braut sagen: Komm!“ (Offb 22, 17). Wir fragen uns: Wer ist die Braut, wer ist der Geist, und was bedeutet „Komm“? Es ist nicht schwer zu entdecken, wer die Braut ist. Mit diesem Titel wird in der Offenbarung des Johannes das christliche Volk, die Kirche bezeichnet, vor allem in ihrer Lebensgemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn.

Was den Geist betrifft, so zeigt die Verwendung dieses Begriffes im übrigen Buch, daß es sich mit Sicherheit um den Heiligen Geist handelt, jedoch in seiner spezifischen Funktion als Geist, der durch die Propheten in der Kirche spricht. Der Geist und die Braut sind also nicht nur keine zwei voneinander getrennten und entfernten Subjekte sondern sie sind praktisch ein und dasselbe mystische Subjekt. Man könnte folglich den Satz auch so übersetzen: „Die vom Geist inspirierte Braut sagt (zu Jesus): Komm!“
Kommen wir nun zum dritten Element des Satzes, zum Imperativ „Komm!“. An wen er gerichtet ist, wird gleich danach, im Vers 20, verdeutlicht, wo es heißt: „Komm, Herr Jesus!“ Er ist also gleichbedeutend mit dem Marána-tha, das in der eucharistischen Liturgie der Urkirche ertönte und von Paulus (1Kor 16, 22) und der Didaché bezeugt wird.

Der Satz, der in der Offenbarung unmittelbar folgt, zeigt jedoch, daß die Einladung wechselseitig ist: „Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens“ (Offb 22, 17). Der Mensch sagt zu Christus: „Komm!“, aber auch Christus ruft dem Menschen zu: „Komm!“ Tatsächlich nimmt dieser Satz das Wort Jesu aus dem Evangelium wieder auf: „Wer Durst hat, komme zu mir und trinke“ (Joh 7, 37).

Wenn ich recht verstanden habe, soll in dem Motto dieses Treffens – „Der Geist und die Braut rufen: Komm!“ – der Ruf „Komm!“ gerade in dieser zweiten Bedeutung aufgefaßt werden: als eine dringende Einladung, die der Geist durch die Kirche an den Menschen von heute richtet, sich der Schar der an Christus Glaubenden anzuschließen und von ihm das Wasser des Lebens zu empfangen.
Das „Wasser“ ist eine Metapher, ein Symbol, das für etwas anderes steht. Und ich möchte jetzt zusammen mit Euch genau das entdecken: was konkret dieses Wasser des Lebens ist, das zu trinken wir eingeladen sind; was es ist, das die Leute mit uns in der Kirche teilen sollen, wenn wir sie einladen, zu kommen. Um darauf zu antworten, greife ich auf die Pfingst-Erzählung zurück, die wir in der ersten Lesung gehört haben. Meine Predigt wird etwas länger sein als eine normale Sonntagspredigt, aber ich bin überzeugt, daß Ihr mich nicht aus Italien habt anreisen lassen, um für zehn Minuten zu Euch zu sprechen...

2. Die Zeichen und die Wirklichkeit

„Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurde mit dem Heiligen Geist erfüllt“ (Apg 2, 1-4).
Wenn Gott im Begriff ist, in der Heilsgeschichte etwas sehr bedeutsames zu vollbringen, dann sendet er – vor allem wenn es um eine persönliche Offenbarung geht – zuerst besondere Zeichen, um die Aufmerksamkeit seiner Geschöpfe zu wecken. Und so geschieht es auch anläßlich der großen Theophanie, welche die Offenbarung des Heiligen Geistes ist.

Zuerst kommt ein Zeichen für das Gehör: ein Brausen wie das eines heftigen Windes. Das war ein eindeutiges Zeichen. Das Bild des Windes hatte die Bibel verwendet, um den Menschen die geheimnisvolle Wirklichkeit des Geistes zu offenbaren. Im Hebräischen wie im Griechischen – den beiden Sprachen der Bibel – werden Wind und Geist mit ein und demselben Wort bezeichnet: mit ruach beziehungsweise pneuma. Jesus selbst hatte den Geist mit dem Wind verglichen, der weht wo er will und dessen Brausen man hört, ohne zu wissen, woher er kommt und wohin er geht (vgl. Joh 3, 8).

Der Wind oder die sich bewegende Luft hat in der Natur zwei verschiedene Erscheinungsformen: Es gibt den äußeren Wind – er ist gleichsam der große Atem der Natur – und dann gibt es eine Luftbewegung im Innern des Menschen: sein Atem oder sein Hauch. Beide Formen haben dazu gedient, etwas über die geheimnisvolle Wirklichkeit des göttlichen Geistes zu offenbaren: der stürmische Wind, der in der Natur bläst, um die Kraft und die Freiheit des Geistes Gottes zu offenbaren (der Wind wühlt die Ozeane auf und entwurzelt die Zedern des Libanon!), und der Atem oder Lebenshauch, um seine Zartheit und Intimität zu offenbaren (nichts ist uns innerlicher als unser Atem!). An Pfingsten wird die Gabe des Geistes vom stürmischen Wind begleitet, am Osterabend im Abendmahlssaal vom Zeichen des Atemhauches: „Er hauchte sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!“ (Joh 20, 22).

Nach dem Zeichen für das Gehör ein Zeichen für die Augen: „Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer.“ Auch das ein vielsagendes und leicht zu deutendes Zeichen. Jesus war von Johannes dem Täufer als derjenige angekündigt worden, der „mit dem Heiligen Geist und mit Feuer“ taufen werde (vgl. Mt 3, 11). Das Feuer besitzt in der Bibel vielerlei Bedeutungen, positive und negative: Es spendet Licht (wie in dem Fall der Feuersäule des Exodus), es wärmt und entflammt; es verschlingt die Feinde und wird die Frevler in Ewigkeit bestrafen... Das Wasser reinigt äußerlich, das Feuer auch innerlich. „Erprobe mich, Herr, und durchforsche mich,“ sagt der Psalmist, „läutere mir im Feuer Herz und Sinn“ (vgl. Ps 26, 2). Kostbare Dinge – das Gold im materiellen, der Glaube im geistigen Sinn – werden im Feuer, im Schmelzofen geprüft (vgl. 1Petr 1, 7).
Nachdem die Seelen mit dieser Art „Symbol-Katechese“ vorbereitet sind, verwirklicht sich dann das verheißene Ereignis; nach den Zeichen kommt die Wirklichkeit: „Alle wurden erfüllt mit dem Heiligen Geist.“ Mit so wenigen Worten wird eine der fünf Säulen beschrieben, welche die großen Arkaden der Heilsgeschichte tragen: Schöpfung, Inkarnation des WORTES, Auferstehung Christi, Pfingsten und Parusie.

3. Erfüllt mit der Liebe Gottes

Unser ganzes Bemühen muß sich nun darauf konzentrieren, in den Sinn dieser Worte einzudringen. Dazu gehen wir von der Frage aus: Was oder wer ist der Heilige Geist? Nach der klassischsten Theologie, besonders im Westen, ist er die Liebe, mit der der Vater den Sohn und der Sohn den Vater liebt, die „personifizierte“ Liebe. Wenn es also heißt, daß „alle erfüllt waren mit dem Heiligen Geist“, dann bedeutet das, mit anderen Worten ausgedrückt, daß alle erfüllt waren mit der Liebe Gottes. Es ist, als hätten sich in jenem Moment die Schleusen des Himmels geöffnet und das innere Leben Gottes hätte sich über die Apostel und die Jünger „ergossen“ und sie in einen Ozean des Friedens und der Glückseligkeit eingetaucht. Diese Vorstellung weckt im Griechischen der Ausdruck: „getauft“ werden im Heiligen Geist.

Der hl. Paulus bestätigt diese Interpretation, wenn er schreibt: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5, 5). Mit diesen Worten tut er nichts anderes, als in nicht erzählender Form das Pfingst-Ereignis zu beschreiben, das sich in der Taufe fortsetzt.

Diese Liebe Gottes hat einen objektiven Aspekt, den wir Gnade oder eingegossene Liebe nennen, aber sie bringt auch ein subjektives Element mit sich, eine existenzielle Auswirkung. Es handelte sich nicht – wie man oft meint – um etwas rein objektives, ontologisches, das den Aposteln selbst gar nicht bewußt wurde. Die Gabe des „neuen Herzens“ geschah nicht unter „Vollnarkose“ wie die normalen Herzverpflanzungen! Im Gegenteil: die Apostel machten in jenem Moment eine überwältigende Erfahrung, von Gott geliebt zu sein. Das erkennen wir an der plötzlichen Veränderung, die sich in ihnen vollzieht. Keine Spur mehr von Furcht, Ängstlichkeit und Schüchternheit; sie sind neue Menschen und treten als solche auf.
Der Bericht eines afrikanischen Laien hilft uns, zu verstehen, wie sich das erste Pfingsten abgespielt haben muß. Dort heißt es:

„Im vergangenen Monat haben wir ein Seminar für neues Leben im Geist organisiert, das vor allem von Universitäts-Studenten und einigen Schwestern besucht wurde [...]. An einem gewissen Punkt wurden die Teilnehmer vom Heiligen Geist erfüllt in einer Weise, wie wir es niemals hatten erleben und sehen können. Einige baten Gott geradezu, seinen Geist ein wenig zurückzuhalten, weil sie wegen der ausufernden Freude nicht schlafen konnten. Es gab solche, die lange ausgestreckt auf dem Boden liegen blieben, die weinten wie ein Kind oder die tanzten wie die Engel im Himmel. Die Leute waren wie betrunken von der Liebe Gottes, die in ihre Herzen ausgegossen war.“

Dasselbe – daß nämlich das Kommen des Geistes ein überflutendes Eindringen der Liebe Gottes in die Seele ist – wird auch aus der Schilderung des berühmten Einkehrtages von Duquesne deutlich, aus dem die charismatische Erneuerungsbewegung in der katholischen Kirche hervorging. Einer der Teilnehmer schreibt:
„Furcht des Herrn begann sich unter uns zu verbreiten; eine Art heiliger Schrecken hinderte uns daran, die Augen zu heben. Er war da, persönlich gegenwärtig, und wir hatten Angst, seiner unermeßlichen Liebe nicht standzuhalten. Wir beteten ihn an und begriffen zum ersten Mal, was Anbetung heißt. Wir machten die brennende Erfahrung der furchtbaren Wirklichkeit und Gegenwart des Herrn... Diese heilige Furcht war in gewisser Weise dasselbe wie Liebe oder wurde zumindest so von uns empfunden. Es war etwas in höchstem Maße Liebenswertes und Schönes, auch wenn niemand von uns ein sinnlich wahrnehmbares Bild sah. Es war, als ob die persönliche Wirklichkeit Gottes mit ihrem blendenden Glanz in den Raum gekommen wäre und ihn und uns zugleich erfüllt hätte“.

Und wenn man diejenigen, die sagen, daß sie die Erfahrung eines neuen Pfingsten gemacht haben, fragt, was von dieser Erfahrung auf die Dauer erhalten bleibt, lautet die häufigste Antwort: Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich begriffen, was es bedeutet, von Gott geliebt zu sein, sein Sohn, seine Tochter zu sein. Eine Frau sagte: „Ich hatte mein ganzes Leben hindurch immer das bittere Gefühl, von niemandem geliebt zu sein; in jenem Moment ist dieses Gefühl verschwunden und nie mehr zurückgekehrt.“ Ich selbst erinnere mich an eine alte Schwester: Als sie die Gabe einer neuen Geistausgießung empfangen hatte, ging sie umher und rüttelte die Leute auf, indem sie mit leuchtenden Augen sagte: „Ich fühle mich wie ein kleines Mädchen. Jetzt weiß ich, was es heißt, Tochter Gottes zu sein!“

Bobbie Cavnar war ein Soldat, Oberst der amerikanischen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg und danach Verantwortlicher für das Flugzeug, das im Kriegsfall die Atombombe über Moskau abwerfen sollte. Er hat den Moment, in dem er „im Geist getauft“ wurde, so beschrieben: „Ich war der härteste Mensch der Welt. Niemals in meinem Leben hatte ich geweint, und außer meiner Mutter und meiner Frau hatte ich keinem Menschen je erlaubt, mich anzurühren und mir äußere Zeichen der Liebe zu erweisen. In jenem Moment spürte ich etwas wie einen Strom, der sich über mich ergoß, es war die Liebe... Mit einem Schlag begann ich, alle zu lieben und hatte das Bedürfnis, sie zu umarmen. Das war etwas völlig Neues, und mein Leben änderte sich von Grund auf.“

Niemand hat dieses Wirken des Heiligen Geistes besser beschrieben als Luther. Solange der Mensch sich unter der Herrschaft des Gesetzes und der Sünde befindet, erscheint ihm Gott unweigerlich als Gegenspieler und Hindernis. Zwischen ihm und Gott besteht eine unterschwellige Feindschaft. Der Mensch „begehrt“, will bestimmte Dinge, und Gott ist derjenige, der ihm mit seinen Geboten den Weg versperrt und sich seinen Wünschen entgegenstellt mit seinem endgültigen „Du sollst!“ und „Du sollst nicht!“ Paulus sagt: „Das Trachten des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott; es unterwirft sich nicht dem Gesetz Gottes“ (Röm 8, 7). Der „Alte Mensch“ lehnt sich gegen seinen Schöpfer auf, und wenn es in seiner Macht läge, wäre es ihm sogar lieber, er existierte gar nicht.
Wenn der Heilige Geist ins Herz einzieht, vollzieht sich eine tiefgreifende Veränderung. Er eröffnet dem Menschen eine neue Sicht von Gott, so daß er ihn als wohlwollend und ihm günstig gesonnen erkennt, als seinen „Verbündeten“, nicht als Feind. Er stellt ihm all das vor Augen, was Gott für ihn zu tun imstande war, und wie er für ihn nicht einmal seinen eigenen Sohn verschont hat. Kurz: er trägt in das Herz des Menschen „die Liebe Gottes“ hinein (vgl. Röm 5, 5). Der Geist erweckt in ihm gleichsam einen anderen Menschen, der Gott liebt und alles, was Gott ihm gebietet, freiwillig und gern tut.1 Aus dem Herzen des Gläubigen steigt ein erstes ergriffenes „Abba, Vater!“ auf. Der Sklave ist gestorben, geboren ist der Sohn (vgl. Gal 4, 6-7); die Wiedergeburt „aus der Höhe“ oder „aus dem Geist“ hat sich vollzogen (vgl. Joh 3, 3-8).

4. Wenn alle Bibeln zerstört würden...

In diesem Licht erscheint uns Pfingsten als die letzte Krönung aller Werke Gottes, als das, worauf die ganze Heilsgeschichte zustrebte. Warum hat Gott die Welt erschaffen? Auf die Frage: „Warum hat Gott uns erschaffen?“ lehrte uns der alte Katechismus die Antwort: „Damit wir ihn in diesem Leben kennen, lieben und ihm dienen und uns dann im anderen Leben ewig an ihm freuen.“ Ich beabsichtige nicht, eine so maßgebliche Quelle zu kritisieren, muß jedoch sagen, daß diese Antwort unvollständig ist. Sie beantwortet die Frage: „Wozu – also zu welchem Zweck – hat Gott uns erschaffen?“ nicht aber die wichtigere Frage: „Warum – also aus welchem Grund – hat er uns geschaffen? Was trieb ihn dazu, da er doch bereits glücklich und in sich selbst selig war?“ Auf diese zweite Frage kann man nämlich nicht antworten: „damit wir ihn lieben“, sondern man muß antworten: „weil er uns liebte“! „Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“ (vgl. 1Joh 4, 19.

Wozu die Offenbarung? Was ist die Bibel anderes als „ein Liebesbrief Gottes an seine Geschöpfe“ (Gregor der Große)? Alles in der Bibel ist Liebe; sogar die Strafandrohungen sind nichts anderes als Ausdruck der „eifersüchtigen“ Liebe Gottes für seine Geschöpfe. Wenn durch irgendeine Naturkatastrophe alle Bibeln der Welt zerstört würden und nur ein einziges Exemplar übrig bliebe, und wenn auch dieses Exemplar so beschädigt wäre, daß nur noch eine einzige Seite lesbar wäre, und wenn selbst diese Seite so aufgerieben wäre, daß man nur noch eine einzige Zeile entziffern könnte – wenn diese die Zeile aus dem Ersten Johannesbrief wäre, wo es heißt: „Gott ist die Liebe“ (1Joh 4, 10), dann wäre die ganze Bibel gerettet, denn darin ist alles enthalten.

So müssen wir die Bibel lesen lernen, um sie wirklich zu verstehen; dieses ist das notwendige richtige „Vorverständnis“. Gott hat in der Bibel alle Möglichkeiten des menschlichen Sprachgebrauchs ausgeschöpft und sich der Bilder bedient, in denen sich alle menschlichen Ausdrucksformen der Liebe niederschlagen – Vaterliebe, Mutterliebe, die Liebe des Bräutigams, des Freundes, des Hirten –, um uns von seiner Liebe zu überzeugen. Man denke zum Beispiel an die bewegenden Worte in Hosea 11...(„Ich war es, der Efraim gehen lehrte, ich nahm ihn auf meine Arme ... Mit menschlichen Ketten zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe. Ich war für sie wie die Eltern, die den Säugling an ihre Wangen heben. Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen.“)

Wozu, schließlich, die Inkarnation und das Kommen des Sohnes Gottes in die Welt? „Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3, 16). Jesus ist die Mensch gewordene Liebe Gottes. In ihm ist die Liebe Gottes zur „Freundschaft“ geworden (vgl. Joh 15, 14). Es gibt zwei Arten, jemandem die eigene Liebe zu bekunden. Die erste besteht darin, dem geliebten Menschen Gutes zu tun, ihm Geschenke zu bereiten. Die zweite, wesentlich anspruchsvollere, besteht darin, für den geliebten Menschen – oder sogar unter ihm – zu leiden. Das trifft auch auf die Erfahrung der menschlichen Liebe in der Ehe zu. Gott hat uns in der ersten Art geliebt bei der Schöpfung, als er uns mit Gaben überhäufte, und in der zweiten Art hat er uns bei der Erlösung geliebt, indem er aus Liebe zu uns Schreckliches erlitten hat, „um die Menschen von seiner außerordentlichen Liebe zu ihnen zu überzeugen und sie, die den guten Herrn mieden, weil sie glaubten, er hasse sie, erneut an sich zu ziehen“2.
Nun ist es aber wichtig, daß die Meditation über die Liebe Gottes nicht auf theoretischer Ebene stehen bleibt, sondern unser Leben ändert und erneuert. Der hl. Paulus zeigt uns eine Möglichkeit, wie man die heilende Kraft erfahren kann, die der Betrachtung der Liebe Gottes innewohnt. Er ruft zunächst die negativen Erfahrungen aus der Vergangenheit ins Gedächtnis – „Bedrängnis, Not, Verfolgung, Hunger, Kälte, Gefahr, Schwert“ –, dann all das Bedrohliche, was die Zukunft für ihn bereithält – „Tod, Leben, Engel, Mächte, Gegenwärtiges, Zukünftiges“ – und stellt dann triumphierend fest, daß er aus all dem „mehr als siegreich“ hervorgehen kann kraft der Liebe Gottes (vgl. Röm 8, 35-39). Die Dinge, die unüberwindlich schienen, erweisen sich in diesem Licht als Kleinigkeiten.
Damit lädt der Apostel auch uns ein, dasselbe zu tun: unser Leben zu betrachten, so wie es sich darstellt, die Ängste, die sich darin einnisten, an die Oberfläche kommen zu lassen, ebenso die Traurigkeiten, Bedrohungen, Komplexe und jenen physischen oder moralischen Defekt, der uns daran hindert, uns selbst gelassen anzunehmen – und all das dem Licht des Gedankens auszusetzen, daß Gott mich liebt, bis auch wir spüren, daß wir „mehr als siegreich“ sein können.

5. Wie man sich vorbereitet

Wenn das die wunderbaren Früchte von Pfingsten sind, stellen wir uns sofort die Frage: Wie können wir uns darauf vorbereiten, wie können wir das auch für uns möglich machen? Als Jesus das Kommen des Geistes ankündigte, sagte er zu den Aposteln: „Ihr werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft“ (Apg 1, 5). Was tun, damit diese Verheißung sich heute an uns erfüllt? Ich will einige innere Voraussetzungen und einige Handlungen aufzählen, die uns darauf vorbereiten können, eine neue Ausgießung des Geistes zu empfangen.
Die erste innere Voraussetzung ist, nach dem Geist zu dürsten, ein lebendiges Verlangen zu entwickeln, mit einem Glauben voller Erwartung. Erinnern wir uns an die Worte Christi: „Wer Durst hat, komme zu mir und trinke“ und an die folgende Erklärung des Evangelisten: „Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben“ (Joh 7, 37-39). „Auf wen kommt der Heilige Geist herab?“, fragt sich der hl. Bonaventura, und er antwortet: „Er kommt dorthin, wo er geliebt, wo er eingeladen, wo er erwartet wird.“3

Wer würde in ein Haus eintreten, ohne eingeladen zu sein? Man muß den Heiligen Geist jedoch ernsthaft einladen. In einigen Gegenden Italiens war es früher üblich, wenn man sonntags nach der Messe auf dem Heimweg am eigenen Haus angekommen war, den Freund und Weggefährten, der einen begleitete, zum Essen oder zu einem Glas Wein einzuladen. Man ging jedoch davon aus, daß der so Eingeladene sich entschuldigte, er werde zu Hause erwartet, oder sonst irgend eine Ausrede anführe. Ja, man wäre sogar unangenehm überrascht gewesen, wenn der andere unverzüglich geantwortet hätte: „Danke, ja, ich komme gern!“ Das waren formelle Einladungen, keine echten.

Es besteht die Gefahr, daß unsere Einladungen an den Heiligen Geist von dieser Art sind. Wir wiederholen ständig: „Komm, Heiliger Geist ... Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein...!“, aber in unserm Innern fügt vielleicht ein heimliches Stimmchen leise hinzu: „Aber, bitte schön, keine Verrücktheiten, keine Neuerungen...“ Man kann den Heiligen Geist nicht einladen und ihm gleichzeitig seine Freiheit verweigern, indem man ihm vorschreibt, was er zu tun hat. Diese Angst vor der „Unberechenbarkeit“ des Geistes ist es, die viele davon abhält, sich seinem Handeln zu öffnen. Und das ist ein Mangel an Glauben.

6. Die Emboli aus den Venen entfernen

Eine nahezu untrügliche Grundvoraussetzung, um den Heiligen Geist zu empfangen, ist, daß wir sofort damit beginnen, unseren Nächsten in neuer Weise zu lieben. Alle zu lieben, besonders die, bei denen es uns schwerer fällt. Die Liebe Gottes, oder die Agape, ist unteilbar „die Liebe, mit der Gott uns liebt und mit der er uns befähigt, ihn und die Mitmenschen zu lieben“4. Das sind gleichsam zwei Türen, die sich gemeinsam öffnen und schließen. Daraus folgt: Je mehr Liebe wir von uns ausgehen lassen, desto mehr empfangen wir, wie beim Wasser in kommunizierenden Röhren.

Im menschlichen Organismus bilden die größte Gefahr für die freie Blutzirkulation die Emboli oder Blutpfropfen. Das sind kleine feste, flüssige oder gasförmige Gebilde, welche die Vene verstopfen und dadurch sogar den Tod verursachen können. Auch auf geistiger Ebene gibt es „Emboli“, die imstande sind, das Fließen des Geistes zu unterbinden: Es sind nicht bekämpfte Antipathien, Haß und Groll. Wenn man sich also darauf vorbereitet, den Geist zu empfangen, gilt die Losung oder das Motto: Emboli beseitigen, sich versöhnen!

Heute versuchen wir, die Emboli nicht nur im zwischenmenschlichen Bereich zu beseitigen, sondern auch zwischen Kirche und Kirche, zwischen den verschiedenen christlichen Denominationen. In diesem Fall sind die Emboli die Vorurteile, die über Jahrhunderte die einen gegen die anderen aufgebaut haben. Ich erinnere mich an die Umkehr, die ich in mir selbst vollziehen mußte, als ich begann, als Delegierter der katholischen Kirche am Dialog mit den pfingstlerischen Kirchen teilzunehmen. Wie anders klangen doch ihre Argumente aus ihrem Mund im Vergleich zu dem, was ich vorher in den Akten gelesen hatte! Wie viel weniger leicht zu widerlegen!

Heute empfinde ich jedoch die Notwendigkeit, eine andere Erwägung hinzuzufügen. Man kann einen Riß in einem Gewand nicht flicken, indem man einen neuen Riß macht. Wir können nicht die Einheit mit den Brüdern und Schwestern anderer Kirchen herstellen, indem wir die Einheit mit denen aus unserer Kirche zerbrechen. Wir können und müssen "jeder an der ihm zukommenden Stelle – unserer Kirche in prophetischer Weise helfen, auf dem Weg der Versöhnung voranzugehen, sich von historischen Bedingtheiten der Vergangenheit zu befreien, mehr Vertrauen auf den Geist zu setzen und weniger auf das Gesetz...

Nicht jedoch, indem wir aus den eigenen Reihen ausscheren und jeder auf eigene Faust weitermachen. Dann würden wir der Sache der Einheit nicht dienen, wir würden vielmehr die Möglichkeit verlieren, als ökumenischer Sauerteig im Innern unserer Kirchen zu wirken. Besser ein Schritt gemeinsam getan als hundert allein. Das kann Leiden verursachen, und das sehen wir vielleicht in eben diesen unseren Treffen, aber es ist ein Opfer, das in den Augen Gottes nicht unfruchtbar ist. Gott gibt uns das Beispiel der Geduld, indem er sich an unseren Schritt anpaßt. Wir sollten nicht ungeduldiger sein als Gott.

Unser Ziel bei diesem Treffen ist nicht nur, uns an Pfingsten zu erinnern oder es zu feiern, sondern es erneut zu erleben. Und die Eucharistie ermöglicht uns nun, diesen Wunsch in der sichersten Weise zu erfüllen. In ihr empfangen wir die Quelle selbst, aus der der Heilige Geist entspringt. Als Ezechiel den Geist auf die ausgetrockneten Gebeine herabrief, sagte er: "Geist, komm herbei von den vier Winden!" (vgl. Ez 37, 9).

Das sagte er, weil er noch nicht wußte, woher der Geist kommt. Wir aber wissen es, und darum sagen wir nicht mehr: "Komm herbei von den vier Winden!", sondern: "Komm herbei aus der geöffneten Seite Christi am Kreuz, komm herbei aus dem Mund des Auferstandenen und wehe über diese weite Ebene voller ausgetrockneter Gebeine, zu der unser Europa und unsere Welt geworden ist, damit sie wieder lebendig wird, und damit auch wir wieder lebendig werden!"


1 Vgl. M. Luther, Pfingstpredigt (WA 12, S. 568 ff)
2 Vgl. N. Kabasilas, Leben in Christus, VI, 2.
3 Bonaventura, Predigt zum IV. Sonntag nach Ostern, 2 (Ed. Quaracchi, IX, S. 311).
4 Thomas von Aquin, Kommentar zum Römerbrief, Kap. V, Lekt. 1, Nr. 392.
Artikel und Vorträge
Webmaster © P. Raniero Cantalamessa, OFMCap - 2003-2007