1. Sonntag, der Tag der Aufehrstehung
Das Programm dieses letzten Kongreß-Tages steht unter einem Thema, das für alle Beiträge – angefangen mit dem meinen jetzt – tonangebend ist: »Sonntag – der gesegnete Tag«. Wir wissen, warum dieser Tag gesegnet ist: Heute ist Christus vom Tod erstanden! Dieses Adverb »Heute« will nicht heißen: »an einem Tag wie diesem« vor vielen Jahrhunderten; es bedeutet eher: »genau an diesem Tag«, ganz wörtlich: heute.
So spricht die Liturgie über die Mysterien, die sie feiert. Sie werden nicht nur ins Gedächtnis zurückgerufen, sondern von neuem erlebt und aktualisiert. Darum sagen wir in den Sonntags Laudes: „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen jubeln und uns an ihm freuen“ (Ps 118,24). (Wenn dieser mein Vortrag eine »öffentliche Glaubenskundgebung« sein muss, wie im dem Programm geschrieben steht, dann brauche ich euere Hilfe. Jedes Mahl ich, „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat“ sage, bitte antworten Sie mit lauter Stimme: „Wir wollen jubeln und uns an ihm freuen“.
Jeder Sonntag läßt die Auferstehung Christi gegenwärtig und wirksam werden. Jeder Sonntag muß darum mit dem Ruf beginnen, der am Ostertag die erstaunte Freude von einem zum anderen überspringen ließ: »Er ist auferstanden, er lebt, er ist den Frauen erschienen, Simon Petrus hat ihn gesehen, wir haben ihn erkannt beim Brechen des Brotes! «
Am Osterabend betrat der Auferstandene den Abendmahlssaal »durch verschlossene Türen«, und er geht auch heute noch durch verschlossene Türen: durch die verschlossenen Türen der Herzen, durch die verschlossenen Türen der Kulturen und Regierungen, die seine Auferstehung leugnen und gegen ihn kämpfen. In der jüngsten Vergangenheit hat er viele solche Mauern durchschritten, für die jene von Berlin ein sichtbares Symbol war. Der Dichter Paul Claudel hat der Auferstehung diese Verse gewidmet:
»Nichts vermag diesem Sieger zu widerstehen. Er geht durch verschlossene Türen hindurch auf die andere Seite der Mauer. Und so geht er auch durch die Zeit hindurch, ohne sie aufzuheben.« 1.
Die Auferstehung Christi ist für die Welt des Geistes dasselbe, was nach einer neueren Theorie der »Urknall« für das physische Universum war, als ein »Atom« begann, sich aus Materie in Energie zu verwandeln und damit die ganze Bewegung der Expansion des Alls auslöste, die nach Milliarden von Jahren immer noch andauert. Tatsächlich bezieht alles, was in der Kirche existiert und in Bewegung ist – Sakramente, Worte, Institutionen – seine Kraft aus der Auferstehung Christi. Sie ist der Augenblick, in dem sich der Tod in Leben und die Geschichte in Eschatologie verwandelte.
„Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen jubeln und uns an ihm freuen“
2. »Wenn du mit dem Herzen glaubst …«
Angesichts der Verkündigung der Auferstehung Christi tun sich zwei Wege auf: der Weg der Interpretation oder der Hermeneutik und der Weg des Glaubens. Der erste basiert auf dem Prinzip: verstehen, um zu glauben, der zweite auf dem Prinzip: glauben, um zu verstehen. An und für sich sind diese beiden Wege nicht miteinander unvereinbar, der Unterschied ist jedoch erheblich und kann in gewissen Extremfällen dazu führen, daß sie sich de facto gegenseitig ausschließen und in entgegengesetzte Richtungen führen.
Ein großer Teil dessen, was in der letzten Zeit, nach dem Aufkommen der Theorie der Entmythologisierung, über die Auferstehung geschrieben wurde, ist auf der Ebene der Interpretation angesiedelt. Es versucht zu klären, was es bedeutet, wenn gesagt wird: »er ist auferstanden« oder: »er ist erschienen« – ob es eine historische, ein mythologische oder eine eschatologische Aussage ist; ob Christus in der Geschichte oder im Kerygma auferstanden ist; ob heute in der Kirche die Person des Auferstandenen lebt oder nur seine Sache.
Diese Bemühungen sind wertvoll; sie helfen nämlich, gewisse plumpe Darstellungen der Auferstehung zu überwinden, die für den Menschen von heute unannehmbar sind, und begünstigen damit eine Läuterung des Glaubens selbst. Die Gefahr jedoch besteht darin, daß man nie dahin gelangt, den nächsten Schritt zu tun, nämlich den Sprung in den Glauben. Wenn man alles verstehen will, um glauben zu können, wird man, da man das Geheimnis der Auferstehung niemals ganz verstehen wird, diesen Schritt immer und ewig verschieben und niemals zum Glauben gelangen.
In einer »öffentlichen Glaubenskundgebung« müssen wir natürlich den Weg des Glaubens wählen. Er ist der Weg, der dazu führte, daß die Verkündigung von der Auferstehung Christi am Anfang die Völker bekehrte, die Welt veränderte und die Kirche entstehen ließ: nicht durch Interpretation und wissenschaftliche Beweise, sondern weil die Botschaft in der Kraft des Geistes verkündigt war. Das ist eine unbestreitbare Tatsache, die man nie genug berücksichtigt.
Paulus schreibt: »Wenn du mit deinem Mund bekennst: „Jesus ist der Herr“ und in deinem Herzen glaubst: „Gott hat ihn von den Toten auferweckt“, so wirst du gerettet werden« (Röm 10, 9). Der hl. Augustinus fügt hinzu: »Es ist nichts Besonderes, zu glauben, daß Jesus gestorben ist; … alle glauben das. Das wirklich Große ist jedoch, zu glauben, daß er auferstanden ist. Der Glaube der Christen ist der Glaube an Christi Auferstehung.« 2
„Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat“: was wollen wir in ihm tun? „Wir wollen jubeln und uns an ihm freuen!“:
3. Die Auferstehung als Erneuerung der Welt
In Übereinstimmung mit dem mir gestellten Thema: »„Seht, ich mache alles neu“ (Offb 21,5): Wie Gott die Welt verändert« möchte ich jetzt einen besonderen Aspekt der Auferstehung Christi hervorheben: die Auferstehung als Erneuerung der Welt und des menschlichen Lebens.
Zunächst ein Blick auf die Entstehung dieses theologischen Begriffes – Ostern als »renovatio mundi«. Warum wird der Monat des Pascha »der erste unter den Monaten des Jahres« genannt (vgl. Ex 12,2)? Auf diese Frage gibt ein christlicher Schriftsteller vom Ende des zweiten oder Anfang des dritten Jahrhunderts zur Antwort: »Die Erklärung, die im Geheimen unter den Juden kursiert, besagt, daß dies die Zeit ist, in der Gott, der Urheber und Schöpfer aller Dinge, das Universum geschaffen hat.« 3
Tatsächlich vertrat man in der jüdischen Pascha-Katechese die geheime – das heißt nicht in den kanonischen Schriften enthaltene – Auffassung, daß die Welt mit der Tagundnachtgleiche im Frühling begonnen habe und das Pascha somit der Schöpfungstag sei, sozusagen eine Art Geburtstag der Welt. »Die Tagundnachtgleiche im Frühling«, so lesen wir bei Philon, »ist eine Wiederkehr und ein Abglanz jenes Anfangs, in dem diese Welt erschaffen wurde. So ruft Gott uns jedes Jahr die Erschaffung der Welt ins Gedächtnis.« 4
Diese Tradition fand sehr schnell in die christliche Katechese Eingang, was unter anderem durch die Tatsache begünstigt wurde, daß auch der Apostel Paulus vom Pascha Christi und von der Taufe als einer neuen Schöpfung gesprochen hatte (vgl. 2 Kor 5,17; Gal 6,15). Der heilige Cyrill von Jerusalem betont: »Dies ist die Zeit der Erschaffung der Welt. Zu derselben Zeit, da das Ebenbild Gottes verlorenging, ist es auch wiederhergestellt worden.« 5
In unzähligen Variationen nimmt dieses Thema in der christlichen Osterkatechese Gestalt an. In einer zum Osterfest des Jahres 387 verfaßten Homilie findet sich die vielleicht am meisten ausgearbeitete Darstellung: Ostern wird hier bezeichnet als »Neubeginn«, »Neuschöpfung«, »Erneuerung«, »Wiederherstellung«, »Berichtigung« – alles Begriffe, die eine Umkehr der Welt zu ihren Anfängen ausdrücken.
»Um den am Boden liegenden Menschen auferstehen zu lassen«, heißt es dort, »um ihn durch sein Leiden zu erneuern und in seinem ursprünglichen Zustand neu zu erschaffen – was tut der eingeborene Sohn Gottes? Er, der Schöpfer des ersten Menschen, wollte, nachdem dieser gefallen war, auch sein Erlöser sein, um die gesamte Natur wiederherzustellen. Also begnügt er sich nicht damit, sich selbst dem Leiden auszuliefern, sondern vereint, um sie zu erneuern, auch alle zeitlichen Elemente, die bei der Schöpfung zusammengekommen waren, damit das Ende mit dem Anfang in Einklang und die Wirkweise des Schöpfers in sich stimmig sei.« 6
Diese großartige Deutung ist sehr bald in die Liturgie eingegangen. Als man den Schöpfungsbericht aus Genesis 1 zur ersten Lesung der Osternacht bestimmte, knüpfte man damit an diese Tradition an und wollte so darauf hinweisen, daß Ostern eine neue Schöpfung ist. Ein wunderbares Gebet der Osternachtsliturgie, das aus dem gelasianischen Sakramentar des siebten Jahrhunderts stammt, sagt: »Was alt ist, wird neu, was dunkel ist, wird licht, was tot war, steht auf zum Leben, und alles wird wieder heil in dem, der der Ursprung von allem ist, in unserem Herrn Jesus Christus.«
Auch im Exsultet klingt dieses Thema von Ostern als einer kosmischen Erneuerung an. Doch im Exsultet geht diese Sichtweise noch einen Schritt weiter. Bisher war von einer rückwärts gerichteten Erneuerung die Rede, von einer renovatio in pristinum, also davon, alles wieder zu den Ursprüngen zurückzuführen; hier aber geht es um eine vorwärts gerichtete Erneuerung, eine Erneuerung zum Besseren hin, eine renovatio in melius. »O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam, du wurdest uns zum Segen, da Christi Tod dich vernichtet hat. O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden!« – Eine Kühnheit, die im christlichen Denken nie mehr ihresgleichen gefunden hat! Sie machte in der Folge sogar ein wenig Angst, so daß diese beiden Sätze vom zehnten Jahrhundert an in einigen Ortskirchen gestrichen wurden.
Die außerordentliche Schönheit des Ausrufs „O glückliche Schuld!“ und des gesamten Exsultet beruht auf der Begeisterung für den »großen Erlöser« Jesus Christus, die aus ihm spricht. Einer Welt ohne Sünde und ohne Christus ist eine Welt mit der Sünde aber auch mit Christus eindeutig vorzuziehen. Und wer könnte diese kühne Aussage bestreiten?
In ähnlich triumphaler Tonart erklingt das Thema des Pascha als Erneuerung der Welt und Rückkehr zum Paradies in der Liturgie der östlichen und byzantinischen Kirchen:
»Ein göttliches Pascha ist heute offenbart worden Ein Pascha, das uns die Pforten des Paradieses öffnet... Es ist der Tag der Auferstehung! Wir wollen strahlen vor Freude über dieses Fest, wir wollen uns umarmen. Wir wollen Bruder sagen auch zu dem, der uns haßt.« 7
Schon oft ist mir der Gedanke gekommen, daß es nur ein Thema gibt, das dem Schlußchor der neunten Symphonie von Beethoven entsprechen würde: die Auferstehung Christi. Nur sie wäre ein angemessener »Text« für diese erhabene Komposition. Und nun finden wir hier, in diesem viele Jahrhunderte früher entstandenen liturgischen Hymnus praktisch dieselben Worte wie in Schillers »Ode an die Freude«, die diesem musikalischen Meisterwerk zugrundeliegt (»Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt! Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.«). Mit dem einzigen Unterschied, daß die darin besungene Freude nur ein Wunschtraum ist, wohingegen unser Osterhymnus von einer Realität spricht, die dem Menschen angeboten wird.
Darum sange wir noch einmahl: „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat“ „Wir wollen jubeln und uns an ihm freuen!“
4. Neu geboren zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Christi
Und nun die Frage, die für uns am wichtigsten ist: Was können wir tun, damit dieser Aspekt der Auferstehung von der Liturgie in unser Leben übergeht? Wie können wir heute etwas von dieser grandiosen Vision einer kosmischen Erneuerung persönlich spürbar erfahren?
Wir müssen von einer zweiten Wahrheit über die Auferstehung ausgehen, daß nämlich Christus noch nicht vollständig auferstanden ist. Der ganze Christus (Christus totus) besteht immer aus Haupt und Leib zusammen. Solange es also Glieder des Leibes Christi gibt, die noch in einem Grab gefangen sind, ist Christus nicht vollständig auferstanden. Es gibt zwei Auferstehungen, sagte der heilige Leo der Große: eine Auferstehung des Leibes, die am Jüngsten Tag geschehen wird, und eine Auferstehung des Herzens, die jeden Tag geschehen muß. 9
Das Herz ist tot und liegt im Grab, wenn es in Angst lebt, in Mutlosigkeit und Verzweiflung und – noch radikaler: wenn es in der Sünde lebt. Von der Auferstehung des Herzens spricht der Text aus Ezechiel 37 über die ausgetrockneten Gebeine. Die hier gemeinte Auferstehung ist nicht eine Auferstehung vom Tode des Leibes, sondern vom Tode des Herzens. Es ist die Auferstehung eines Volkes, das die Hoffnung verloren hat und sich immer wieder sagt: »Ausgetrocknet sind unsere Gebeine, unsere Hoffnung ist untergegangen, wir sind verloren« (Ez 37,11).
Und der Text aus Ezechiel 37 sagt auch, wie diese Auferstehung des Herzens sich vollzieht: in der Wiedererweckung der verlorenen Hoffnung. »Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zurück in das Land Israel« (Ez 37,12).
Erinnern wir uns an das dritte, dem Jeremia zugeschriebene Klagelied. Es drückt die trostlose Klage des Propheten aus, der rund um sich her nur Ruinen, Elend und Verwüstung sieht: »Ich bin der Mann, der Leid erlebt hat durch die Rute seines Grimms…« An einem gewissen Punkt jedoch besinnt sich der Prophet anders und sagt zu sich selbst: »Das will ich mir zu Herzen nehmen, darauf darf ich harren: Die Huld des Herrn ist nicht erschöpft, sein Erbarmen ist nicht zu Ende... Gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft... Vielleicht ist noch Hoffnung« (Kl 3, 1. 21-22. 25. 29). Von dem Moment an, da der Prophet beschließt, von neuem hoffen zu wollen, wechselt der Ton, und die Klage verwandelt sich in ein zuvesichtliches Gebet um die Wiedererrichtung Israels.
All das enthält eine Botschaft für uns Christen Europas – und insbesondere für euch Christen in Deutschland – in dem geschichtlichen Moment, den wir jetzt erleben. Angesichts der fortschreitenden Säkularisierung und der Tatsache, daß immer mehr Menschen ihre Religion nicht mehr praktizieren, teilen viele Gläubige den Pessimismus des im Exil befindlichen Volkes Israel und stimmen ebenfalls Klagelieder an.
Vor einiger Zeit erhielt ich einen Brief von einer deutschen Katholikin, die unter anderem schrieb: »Ich möchte als katholische junge Christin (34 Jahre) Ihnen mit all meiner Liebe ganz offen meine Reflexionen zu unserer kranken, alternden, zukunftslosen Kirche zurufen! Mit großer Traurigkeit schaue ich in unsere katholischen Pfarreien; ich vermisse meine Generation! Es sind nur Menschen über 50 Jahre da! Das macht mich als gläubige Frau besonders besorgt!«
Auch wir Christen von heute können zu einer Erneuerung des Lebens und zu neuem Schwung in der Verkündigung nur dann gelangen, wenn bei uns die Hoffnung wieder auflebt. Auch wir müssen wie der Prophet im Klagelied sagen: »Die Huld des Herrn ist nicht erschöpft, sein Erbarmen ist nicht zu Ende; ich will hoffen!« (vgl. Kld 3, 22. 24).
Unsere Hoffnung entspringt aus dem Glauben an den auferstandenen Christus. Der 1. Petrusbrief bringt in besonderer Weise die Hoffnung mit der Auferstehung in Verbindung, indem er sagt: Gott, der Vater »hat uns neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben« (1 Petr 1, 3). Die Kirche entstand aus einer Bewegung der Hoffnung, und diese Bewegung muß heute wieder erweckt und angefacht werden, wenn wir dem Glauben neuen Schwung verleihen und ihn in die Lage versetzen wollen, die Welt aufs neue zu erobern. Nichts geht ohne die Hoffnung.
Ein christlicher Schriftsteller hat eine Dichtung über die theologale Hoffnung geschrieben. Er sagt, die drei theologalen Tugenden seien wie drei Schwestern: zwei von ihnen seien schon groß, die dritte dagegen noch ein kleines Mädchen. Gemeinsam gehen sie voran, indem sie sich gegenseitig an der Hand halten und das kleine Mädchen Hoffnung in die Mitte nehmen. Wenn man sie so sieht, hat es den Anschein, als seien es die großen Schwestern, die das kleine Mädchen mitnehmen, statt dessen ist aber das genaue Gegenteil der Fall: das kleine Mädchen zieht die beiden großen. Die Hoffnung ist es, welche den Glauben und die Liebe mitreißt. Ohne die Hoffnung käme alles zum Stillstand.10
Dasselbe beobachten wir auch im täglichen Leben. Wenn ein Mensch so weit kommt, daß er wirklich gar nichts mehr erhofft, daß er am Morgen aufsteht und sich absolut nichts mehr erwartet, dann ist er wie tot. Oft bringt er sich dann tatsächlich selber um, oder er überläßt sich einem langsamen Hinsterben. Jedesmal, wenn im Herzen eines Menschen wieder ein Hoffnungskeim aufbricht, ist es wie ein Wunder: alles wird anders, auch wenn sich nichts geändert hat.
Ein persönliches Beispiel dazu. Ich bin sehr kälteempfindlich, aber für lange Zeit habe ich immer wieder beobachtet, daß die Kälte im April mir weniger Angst macht als die Kälte im November, obwohl wir in Italien im April und im November fast dieselbe Temperatur haben. Warum - habe ich mich gefragt - leide ich unter der November-Kälte mehr als unter der April-Kälte? Und ich habe die Antwort gefunden: Die Kälte im April ist eine Kälte mit Hoffnung und die im November ist eine Kälte ohne Hoffnung. Die Hoffnung ist es, die den Unterschied ausmacht.
Die Hoffnung ist es, die die Jugend bewegt. Auch innerhalb der Familie ist es so: Gern ist man zusammen oder kommt wieder nach Hause, wenn dort die Hoffnung lebt. Ebenso ergeht es auch einer Gemeinschaft, einer Pfarrei, einem Orden: Wenn in ihnen die Hoffnung neu erblüht, überwinden sie ihre Krise und werden wieder attraktiv für neue Berufungen.
Hoffnung schenken ist das Schönste, was man tun kann. Wie einst die Gläubigen beim Verlassen der Kirche einander das Weihwasser von Hand zu Hand weitergaben, so müssen die Christen von Hand zu Hand, von Generation zu Generation, die christliche Hoffnung weitergeben.
Ich möchte schließen, indem ich über Sie alle das Segensgebet spreche, das der Apostel Paulus für die Römer formulierte: »Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes« (Röm 15,13).
1 Paul Claudel, La nuit de Pâques, in: Œuvre poétique, Paris 1967, S. 826.
2 Augustinus, Enarrationes in Psalmos , 120, 6 (CCL 40, 1791).
3 Frühchristliche Osterhomilie 17; SCh 27, S. 145.
4 Philon von Alexandrien, De spec. leg. II, 151.
5 Cyrill von Jerusalem, Catech. XIV, 10; PG 33, 836.
6 Osterhomilie 27; SCh 48, 135f.
7 Stichirà von Ostern.
9 Vgl. Leo der Große, Sermo 66, 3 (PL 54, 366).
10 Ch. Péguy, Le porche du mystère de la deuxième vertu, in Œvres poétiques complètes, Paris 1975, S. 538f [deutsche Ausgabe: Das Tor zum Geheimnis der Hoffnung, Einsiedeln 21980]. |