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Ewigkeit, Ewigkeit!
2003-11-09- Vortrag in St. Apostel - Köln

Der Apostel Paulus sagt: „Die kleine Last unserer gegenwärtigen Not – beachten wir die Worte: ‚gegenwärtig’, ‚klein’ – schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit – beachten wir wieder die Worte: ‚maßloses Übermaß’, ‚ewig’ – uns, die wir nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem Unsichtbaren ausblicken; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig“ (2Kor 4,17f).

Es ist ein neuer Maßstab aufgekommen, der die Kreuze und Bedrängnisse sanft, leicht, nur augenblicklich erscheinen läßt: die Ewigkeit! Deswegen kann derselbe Apostel sagen: „Ich bin überzeugt, daß die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (Röm 8,18). Es gibt keinen Vergleich! Angesichts der Ewigkeit erscheint alles leicht und vorübergehend, auch die Bedrängnis, denn sie dient dazu, jene übermäßige Herrlichkeit vorzubereiten.

Wir müssen uns klarmachen, wer dieser Mann war, der die Bedrängnis als „klein“ und „augenblicklich“ bezeichnete, um nicht dem Irrtum zu verfallen, vielleicht zu uns selbst zu sagen: „Du, Paulus, kannst leicht so reden, denn du hast nicht das erlebt, was ich erlebt habe und noch erlebe! Ich möchte dich in meiner Lage sehen!“

Nun, der so redet, ist ein Mann, der in demselben Brief, in dem er von der leichten und vorübergehenden Bedrängnis spricht, folgendes von sich berichtet: „...oft in Todesgefahr. Fünfmal erhielt ich von Juden die neununddreißig Hiebe – das heißt: bin ich gegeißelt worden –; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, durchwachte viele Nächte, ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße...“ (2Kor 11,24-27).

So, nun sind wir beim Kern der Botschaft angelangt, die ich Ihnen übermitteln mußte – beim Wort „Ewigkeit“ – und darum wollen wir hier innehalten. Wir wollen uns um dieses Wort sammeln, um es wiederzubeleben; wir wollen es gleichsam mit unserem Atem durchwärmen, bis es ins Leben zurückkehrt. Denn „Ewigkeit“ ist ein erloschenes Wort; wir haben es sterben lassen, wie man ein ausgesetztes Kind sterben läßt.

Was ist geschehen mit diesem Wort, das einst der geheime Motor war, der das christliche Volk zum Handeln trieb, das der Anziehungspunkt seines Denkens war, die Magnetnadel, die ihm wie den Seeleuten die Richtung wies, die Realität, welche die Herzen in die Höhe zog wie die Masse des Vollmonds bei der Flut die Wasser des Meeres anzieht?

Dieses Phänomen hat einen eindeutigen Namen: Es heißt „Säkularisierung“. Säkularisierung bedeutet, die Ewigkeit zu vergessen oder sozusagen in Klammern zu setzen, um sich an das Jahrhundert (saeculum), das heißt an die Gegenwart zu klammern – eine Häresie, die als die größte und gefährlichste unser Zeit anzusehen ist und von der wir leider alle mehr oder weniger infiziert sind. In diesem Sinne sind wir alle Häretiker!

Zuerst ist über das Wort „Ewigkeit“ der marxistische Verdacht hereingebrochen, es entfremde den Menschen seinem historischen Einsatz, die Welt zu verwandeln und das gegenwärtige Leben zu verbessern; es sei ein Auszug aus der Realität. Und allmählich hat sich mit dem Verdacht auch das Vergessen und das Schweigen über das Wort „Ewigkeit“ ausgebreitet. Der Materialismus und der um sich greifende Konsumismus haben den Rest getan, indem sie es sogar befremdlich und geradezu unpassend erscheinen ließen, unter „modernen“, zeitgemäßen Menschen überhaupt noch von Ewigkeit zu reden. Wer spricht denn noch von den „Letzten Dingen“ – von Tod, Gericht, Hölle und Paradies – vom Anfang also und von Formen der Ewigkeit?

Aber die Tatsache, daß nicht darüber gesprochen wird, bedeutet nicht, daß diese Wirklichkeiten aufgehört hätten zu existieren. Es ist bekannt, wie sich die Tragödie des Hochseekreuzers „Titanik“ ereignete. Über Radio waren Botschaften gesendet worden, die auf das Vorhandensein eines Eisberges auf der Reiseroute aufmerksam machten. Aber auf Deck fand ein rauschendes Tanzfest statt, und niemand hatte sie wirklich ernst genommen, bis in der Nacht ein schrecklicher Aufprall das Schiff zerbarst und alle ins Meer warf. Das ist ein Bild dafür, was auf geistlicher Ebene denen passieren kann, die leben, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was sie auf ihrer „Reiseroute“ erwartet. Auch auf unserer Route befindet sich ein Eisberg, und das ist der Tod...

Wann haben Sie zum letzten Mal eine Predigt über das ewige Leben gehört? Und doch – könnte man sagen – spricht Jesus im Evangelium über nichts anderes. Es verwirklicht sich genau das, wovor Jesus uns im Evangelium warnt: „Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man ihm die Würze wiedergeben?“ Wenn den Gläubigen das Empfinden für die Ewigkeit abhanden kommt, wer wird es ihnen zurückgeben? Das „Salz der Erde“ und das „Licht der Welt“ ist die Ewigkeit: Ohne sie verliert alles seine Würze, seinen Geschmack, wird vergeblich, denn – sagt Augustinus –: „Was nützt es, gut zu leben, wenn es einem nicht gegeben ist, ewig zu leben?“ Und vor ihm sagte Jesus: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben verliert?“

Wie ergeht es einem, der etwas wiegen soll, aber seine Gewichtstücke verloren hat? Stellen Sie sich einen Mann vor mit einer Waage in der Hand. Sie kennen diese Waagen, die man mit einer Hand bedienen kann, kleine Balkenwaagen, die an der einen Seite einen Teller an kleinen Ketten haben und auf der anderen Seite eine Meßlatte mit einem Laufgewicht? Auf den Teller legt man die Dinge, die gewogen werden sollen – Mehl, Brot, Fisch, oder auch Silber und Gold, alles was man will – und auf die andere Seite kommt an die Meßlatte das Gewicht oder das Maß, welches dazu dient, das Gewicht zu bestimmen. Wenn dieses zur Erde fällt oder zu leicht ist, läßt alles, was man auf den Teller legt, die Latte in die Höhe schnellen, und die Waage neigt sich auf die Seite der Waren. Alles hat Übergewicht, gewinnt die Oberhand, sogar eine handvoll Daunenfedern, so leicht sie auch sind.

Und genauso ergeht es uns, so weit ist es mit uns gekommen. Wir haben das Maß von allem, nämlich die Ewigkeit, verloren, und auf diese Weise haben die irdischen Dinge das Übergewicht bekommen und ziehen konstant die Waagschale auf ihre Seite herunter. Alles erscheint und zu schwierig, zu schwer für uns. Jesus sagte: „Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab; wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus! Es ist besser für dich, mit nur einer Hand oder nur einem Auge ins ewige Leben zu gelangen, als mit beiden Händen oder beiden Augen in die Hölle geworfen zu werden, wo die Qual niemals endet“ (vgl. Mk 9,43ff).

Da sieht man, wie das Maß der Ewigkeit wirkt, wenn es gegenwärtig ist und angewandt wird, welch gewaltige Antriebskraft es besitzt. Uns aber, die wir die Ewigkeit aus den Augen verloren haben, erscheint es bereits übertrieben, wenn man von uns verlangt, für einen Moment die Augen zu schließen oder den Fernseher auszuschalten, um unser Herz nicht zu beschmutzen und das ewige Leben nicht zu gefährden. Alles erscheint uns übertrieben: ein bißchen früher aufzustehen oder ein Stück weit zu gehen, um die Messe zu besuchen, für den Nächsten ein Opfer zu bringen, eine Beleidigung zu verzeihen, einer Versuchung zu widerstehen. Sofort sagen wir uns: „Und für wen tue ich das?“ Eine Frau bemerkt eine unerwünschte Schwangerschaft. Sie spricht mit ihrem Mann darüber. Die Sache erscheint unannehmbar, und so entscheidet man sich für den leichteren Weg, der jedoch den ewigen Tod nach sich zieht, wenn man nicht ganz ernsthaft bereut: die Abtreibung.

Da von Gewichten und Maßen die Rede ist, erinnern wir uns noch einmal an die Worte des hl. Paulus: „Die kleine Last unserer gegenwärtigen Not – sagte er – schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit“. Klein, weil gegenwärtig; übermäßig eben gerade, weil ewig! Wenn dieses übermäßige „ewige Gewicht“ verloren geht – ja, dann erscheint unsere Bedrängnis mit einem Schlag nicht mehr klein, sondern unerträglich.

Im Gegensatz dazu wirf, wenn du von der Bedrängnis überwältigt am Boden liegst, mit Hilfe des Glaubens auf die andere Seite der Waage das übermäßige Gewicht, nämlich den Gedanken an die Ewigkeit, und du wirst sehen, daß die Last der Bedrängnis ein wenig kleiner wird. Sagen wir zu uns selbst: „Was ist das im Vergleich zur Ewigkeit?!“ Tausend Jahre sind wie ein einziger Tag, „wie eine Wache in der Nacht“, „wie der Tag, der gestern vergangen ist“. Aber was sage ich da: „wie ein einziger Tag“? Ein Augenblick nur sind sie, ein Hauch. Im übrigen, was sind schon die Jahre, die wir gelebt haben, jetzt, da wir sie bereits gelebt haben?

Liebe Brüder und Schwestern, vor meinem inneren Auge sehe ich ein Bild: eine zusammengewürfelte Menschenmenge, alle sind sie beschäftigt. Man arbeitet, man lacht, man weint, man kommt und geht, so mancher steht betrübt abseits... Da kommt aus der Ferne keuchend ein alter Mann angelaufen und flüstert dem ersten, den er trifft, ein Wort ins Ohr, dann sagt er es einem anderen, und so läuft er immer weiter von einem zum andern. Wer es gehört hat, läuft sofort, um es einem anderen zu sagen, und der wiederum sagt es ebenfalls weiter. Und siehe da, man erlebt eine unerwartete Veränderung: Wer betrübt am Boden lag, steht auf und beeilt sich, es den Seinen zu Hause zu sagen; wer hastig lief, hält inne und kehrt um; einige, die stritten und sich mit geballten Fäusten bedrohten, fallen sich weinend um den Hals...

Welches Wort hat einen solchen Umschwung bewirkt? Das Wort: „Ewigkeit“! Verzeihen Sie mir die Kühnheit: Ich bin dieser Mann, der aus der Ferne kam; Sie alle – oder besser: wir – alle hier Anwesenden sind diese Menschenmenge. Und das Wort, das sich unter uns wie ein Lauffeuer verbreiten muß, wie das Lichtsignal, das sich einst die Wachen von Turm zu Turm weitergaben, ist immer noch dasselbe: Ewigkeit! Ewigkeit! Es gibt die Ewigkeit! Den Juden im Exil von Babylon sagte man: „Singt uns Lieder vom Zion!“ Was aber antworteten sie ihren Unterdrückern? „Die Zunge soll mir am Gaumen kleben, wenn ich an dich nicht mehr denke, wenn ich Jerusalem nicht zu meiner höchsten Freude erhebe“ (Ps 137,3ff). Auch wir sagen: Die Zunge soll mir am Gaumen kleben, wenn ich dich vergesse, himmlisches Jerusalem; wenn ich Jerusalem und das ewige Leben nicht über all mein Denken setze!

Diese Fackel darf nicht nur hier unter uns kreisen; jeder muß sie mit nach Hause nehmen, in seine Gruppe, in die Schule, in den Arbeitsbereich tragen und mit ihr weitere Fackeln anzünden. Wenn Sie jemand fragt: „Was hast du Neues entdeckt in dem Treffen in St. Aposteln am Neumarkt? Was hast du dort Schönes gefunden?“, antworten Sie einfach: „Ich habe die Ewigkeit entdeckt!“. Und allein schon Ihre Augen sollen ausdrücken, daß es sich nicht um einen Scherz handelt, daß das kein Slogan ist – sie sollen in Ihren Hörern die Sehnsucht nach Ewigkeit wiedererwecken. Sie sollen ihnen den schönen Vers in Erinnerung rufen, den sie vielleicht als Kinder einmal in der Schule gehört haben: „Alles auf der Welt vergeht, nur die Ewigkeit besteht.“

Ich spreche von Sehnsucht, denn ich denke, daß es wohl keinen Menschen gibt, dem in der Erinnerung an seine Jugendjahre nicht ein Moment oder ein Umstand einfällt, in dem er so etwas wie ein Empfinden von Ewigkeit erfahren hat, gleichsam an ihrer Schwelle gestanden und sie erahnt hat, auch wenn er nichts Konkretes mehr über diesen Moment sagen kann.

Ich erinnere mich an einen solchen Moment, als ich im vierten oder fünften Jahr des Gymnasiums war. Es war im Sommer, und vom Spiel erhitzt legte ich mich für einen Augenblick ausgestreckt auf die Wiese, mit dem Gesicht nach oben. Mein Blick wurde angezogen von dem blauen Himmel, über den da und dort ein paar leichte weiße Wolken dahinschwebten. Und ich dachte: „Was ist wohl über diesem blauen Gewölbe, und noch darüber, und noch weiter oben?“ In aufeinander folgenden Wellen schwang sich mein Geist auf, dem Unendlichen entgegen, und verlor sich wie jemand, der die Sonne anschaut und, von ihrem Licht geblendet, nichts mehr sieht. Das Unendliche rief mir das Ewige ins Bewußtsein: Vom Raum ging ich über zur Zeit und fragte mich: „Was bedeutet Ewigkeit: immer, niemals!“ Tausend Jahre – und das ist nur der Anfang; Millionen und Milliarden Jahre – und das ist nur der Anfang!“ Und wieder verlor sich mein Geist. Aber es war ein schönes Gefühl, das mich wachsen ließ.

Heute sage ich oft zu den jungen Leuten, die ich treffe: „Ihr Jugendlichen, ich gebe euch einen Rat: Bevor diese Phase euers Lebens verstreicht, in der ihr noch die Fähigkeit habt, euch zu wundern und euch von etwas beeindrucken zu lassen, macht einmal die Erfahrung, die ich gemacht habe. Haltet inne, streckt euch in einem Moment der Einsamkeit auf dem Rücken liegend im frischen Gras aus und betrachtet den Himmel. Laßt auch ihr eure Vorstellungskraft aufsteigen in „grenzenlose Räume und übermenschliches Schweigen“ wie der italienische Dichter Giacomo Leopardi es in seiner Poesie über das Unendliche tut, und macht so die Erfahrung des glücklichen Schiffbruchs des Geistes. Erlebt den Schiffbruch im Meer des Unendlichen und des Ewigen, dann werdet ihr wie er sagen: „Sanft und süß ist mir der Schiffbruch in diesem Meer.“

Sucht den schönen Schauer des Unendlichen, den Schiffbruch des Geistes nicht anderswo, in der Droge, wo es nur Tod, Illusion und Täuschung gibt. Seht, ich habe euch ein starkes Gegenmittel gegen die schreckliche und zerstörerische Versuchung der Droge aufgezeigt. Eine Weise, die echte, reine Erschütterung zu erfahren, die die Ewigkeit auslöst: das Unendliche oben zu suchen, nicht unten, über euch, nicht unter euch. Gott wird euch helfen, diesen Weg zu erkunden. Aber auch euch Älteren habe ich einen Rat zu geben: Hört auf, euer Geld zu zählen und beginnt, die Sterne zu zählen!

Wozu verkümmert der Mensch, wenn man die Ewigkeit aus seinem Herzen und seinen Gedanken entfernt? Man nimmt ihm sein eigentliches Wesen! Der Mensch – sagen die Philosophen – ist „ein endliches, zum Unendlichen fähiges Wesen“, das hießt: dem Unendlichen offen, seiner bedürftig und für es bestimmt. „Für dich hast du uns geschaffen, o Herr“, sagt Augustinus, „und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“ (Confessiones 1, 1). Hier liegt die Wurzel der tiefen Unzufriedenheit, die im Herzen der Menschen, und speziell der Jugendlichen, herrscht. Verzweifelt klammern wir uns ständig an die irdischen Dinge, obwohl wir doch für etwas ganz anderes geschaffen sind. Leopardi – verzeihen Sie, daß ich noch einmal auf ihn zurückkomme, aber er stammt aus derselben Gegend wie ich – spricht in jenem Gedicht über das Unendliche von einer „Hecke, die dem Auge den Blick verwehrt auf weite Teile des letzten Horizontes“. Auch im Leben – nicht nur in der Poesie – existiert diese schreckliche Hecke, die uns hindert, über sie hinaus zu sehen: die Hecke der „sichtbaren Dinge“. Und darum ermahnte uns der Apostel, unseren Blick nicht auf sie zu richten.

Wenn euch die Welt herausfordert – ich spreche zu allen, besonders aber zu euch Jugendlichen – und versucht, euch zu verführen, indem sie vor euren Augen das Gefunkel ihrer falschen Perlen zur Schau trägt, mit ihrer triumphierenden Weltlichkeit protzt und die verschiedensten Möglichkeiten der Berauschung vor euch ausbreitet – Alkohol, Drogen, Sex, Erfolg – nehmt Zuflucht zu eurem Glauben, sagt es euch immer wieder, denn es ist die Wahrheit: „Das Sichtbare ist vergänglich. Ich gebe mich nicht zufrieden mit dem Augenblicklichen, ich will das Ewige. Ich will Gott!“

Ohne Angst haltet der Welt entgegen: „Du bezauberst mich nicht. Dir fehlt das Maß, du kennst die Ewigkeit nicht. Es ist, als wolltest du die schreckliche Kraft der Mischung aus Salpeter und Schwefel oder die des Schießpulvers jemandem anpreisen, der weiß, daß die Atombombe erfunden worden ist; als wolltest du jemanden für die Leuchtkraft oder die Wärmewirkung einer kleinen Kerze begeistern, der das elektrische Licht besitzt oder sich unter der Mittagssonne befindet.

Dir fehlt der eigentliche Vergleichspunkt. Ich bin dir gegenüber enorm im Vorteil. Ich kenne deine Macht (oh, nur zu gut kenne ich sie, denn auch ich lebe im Fleisch und bin den Begierden ausgesetzt); du aber kennst die meine nicht. Ich kenne das, was in dir wirkt, du aber kennst nicht, was in mir wirkt und stärker ist (vgl. 1Joh 4,4). Du bist der eigentlich Einfältige von uns beiden, nicht ich, der ich den Glauben besitze!“


Ein erster Anteil am Heiligen Geist

Ich weiß, was uns oft daran hindert, so zu reden und kenne den Zweifel, der den Gläubigen den „Freimut“ nimmt. Das Gewicht der Ewigkeit – sagt man – mag noch so übermäßig sein und jenes der Bedrängnis übertreffen, wir aber tragen unsere Kreuze in der Zeit, nicht in der Ewigkeit; unsere Kräfte sind die der Zeit, nicht die der Ewigkeit. „Als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende“ (2Kor 5,7). Im Grunde haben wir der Attraktion des Vergänglichen nichts entgegenzusetzen als die „Hoffnung“; dem unmittelbaren „Genuß“ der irdischen Dinge können wir nur die „Verheißung“ der ewigen Glückseligkeit entgegensetzen. „In diesem Körper wollen wir glücklich sein, dieses Leben ist so schön“, sagten die Leute schon zur Zeit von Augustinus.

Hier aber liegt der Irrtum, dem wir Glaubenden den Zauber nehmen müssen. Es ist nicht wahr, daß die Ewigkeit hier auf Erden nur eine „Verheißung“, nur eine „Erwartung“ ist. Sie ist auch eine „Gegenwart“ und eine „Erfahrung“! „Dies schreibe ich euch“, sagt der Apostel Johannes, „damit ihr wißt, daß ihr das ewige Leben habt, denn ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes“ (1Joh 5,13). Das ist eine der lebenswichtigsten Gewißheiten, die die Geistliche Erneuerungsbewegung in der Kirche wieder lebendig macht, einer ihrer wertvollsten Beiträge zur Erneuerung des christlichen Lebens.

Wenn Sie mit jemandem über Ewigkeit und ewiges Leben sprechen, wird dieser, wenn er den Glauben nicht besitzt oder ihn nicht praktiziert, mit einem Achselzucken sagen: „Ewigkeit, Ewigkeit! Was ist das, Ewigkeit. Wer weiß, ob diese eure Ewigkeit überhaupt existiert!“ Und was antworten Sie? Antworten Sie ihm mit den Worten des Apostels Johannes, des großen Lobsängers auf das ewige Leben: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefaßt haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. Da das Leben sichtbar wurde, haben wir es gesehen und bezeugen es und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und sich uns sichtbar offenbart hat“ (vgl. 1Joh 1,1f).

Das ewige Leben ist sichtbar geworden. Jawohl, denn das ewige Leben ist Gott selbst, und Gott hat in Jesus Christus Fleisch angenommen und unter uns gewohnt (vgl. Joh1,14). Mit Jesus ist die Ewigkeit in die Zeit eingetreten, die Zeit wurde „schwanger“ mit Ewigkeit. Die Aussage, daß Jesus „Mensch und Gott in einer Person“ ist, bedeutet, daß sich in ihm Ewigkeit und Zeit für immer vereint haben, „unvermischt aber auch ungeteilt“, das heißt: jede der beiden behält ihre besonderen Merkmale, bleibt aber untrennbar mit der anderen verbunden.

Auch wir können über das ewige Leben sagen, daß es sichtbar geworden ist, daß wir es gesehen und mit den Händen angefaßt haben, denn Jesus ist in unserer Mitte lebendig. Er lebt und ist gegenwärtig dort, wo sein Wort verkündet wird, wie wir selbst es in diesem Moment erfahren. Er lebt in seinen Sakramenten. Die Sakramente, und besonders die Eucharistie, sind wie Fenster, durch die das ewige Leben in unsere Welt hereinbricht. Auch die Heiligen sind in ihrer Weise Fenster, die zu Gottes Welt hin offenstehen und durch die wir einen Blick auf das werfen können, was uns erwartet.

Da wir im Glauben schon jetzt die Erfahrung der Ewigkeit machen, können wir jetzt auch schon die Glückseligkeit erfahren. Wie alle, wollen auch wir Christen glücklich sein, „während wir in diesem Körper leben“, doch wir haben entdeckt, daß es eine andere Weise gibt, glücklich zu sein. Wir haben die Freude kennengelernt, die eine „Frucht des Geistes“ ist und die auch in der Bedrängnis fortdauert und deshalb auch hier auf Erden nicht eine Freude „des Augenblicks“ ist, sondern tiefer, anhaltender Friede. „Trotz all unserer Not bin ich von Trost erfüllt und ströme über von Freude“, konnte der hl. Paulus sagen (2Kor 7,4), und über die ersten Jünger wird berichtet, daß sie „voll Freude und erfüllt vom Heiligen Geist“ waren (Apg 13,52).

Damit kommen wir zum Ende unserer Betrachtungen über das Wort Jesu: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid...“ (Mt 11,28), und dieses Ende trägt ein Siegel, das sich Heiliger Geist nennt. Die Gegenwart des ewigen Lebens in der Kirche und in jedem von uns hat einen besonderen Namen: Es ist der Heilige Geist, der uns gegeben ist. Er wird „Erstlingsgabe“ (vgl. Röm 8,23) und „erster Anteil unseres Erbes“ (vgl. Eph 1,14; 2Kor 5,5) genannt. Er ist uns geschenkt worden, damit wir, nachdem wir den Vorgeschmack genossen haben, sehnlich die Fülle begehren sollen. Im Heiligen Geist „seufzen wir in unserm Innern und warten darauf, in die Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes einzugehen“ (vgl. Röm 8,20-23). Nur der Geist kann in uns die Sehnsucht nach Ewigkeit entzünden.

Vielleicht müssen wir zugeben, daß auch wir von der Erneuerungsbewegung das alles ein wenig vergessen haben und uns bisweilen so verhalten, als sei uns der Heilige Geist gegeben, um besser und so lange wie möglich hier auf Erden zu leben, um unser natürliches Leben zu entfalten und die Lebensfreude in uns zu steigern. Aber der Geist kommt von oben und drängt nach oben. Er ist die Ruah Jahwes, der Atemhauch Gottes, der alles emporzieht.

Man hat eine Methode erfunden, Schiffe und andere Dinge, die auf den Meeresgrund gesunken sind, wieder an die Oberfläche zu bringen. Sie besteht darin, Luft in das Wrack einzupumpen, die es dann vom Boden abhebt und allmählich in die Höhe treibt, weil es, so angefüllt, leichter wird als das Wasser. Verzeihen Sie mir dieses allzu materielle Bild, lieber Brüder und Schwestern, aber wir Menschen von heute – auch wir Christen – sind diese auf den Meeresgrund gesunkenen Körper. Wir sind in der Zeitlichkeit und in der Weltlichkeit versunken. Wir sind „säkularisiert“.

Der Heilige Geist ist uns gegeben, er wurde uns „eingehaucht“ und jetzt von neuem über die Kirche ausgegossen zu einem ähnlich Zweck: Er soll uns vom Boden lösen und uns in die Höhe heben, immer höher, immer höher, bis wir wieder auftauchen und den unendlichen Himmel betrachten und voll Freude ausrufen: „Ewigkeit! Ewigkeit!“
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