„ICH HABE EUCH EIN BEISPIEL GEGEBEN“
1. Die Bedeutung der Fußwaschung
In seinem ersten Brief schreibt der Evangelist Johannes folgendes: Daran haben wir die Liebe erkannt, daß er sein Leben für uns hingegeben hat. So müssen auch wir für die Brüder das Leben hingeben (1Joh 3, 16-17). Der heilige Augustinus sagt, daß „Johannes uns mit diesen Worten ganz deutlich das Geheimnis des Abendmahls hat erklären wollen“. Es handelt sich also um etwas, das im Denken des heiligen Johannes einen wesentlichen Aspekt des eucharistischen Geheimnisses darstellt.
In seinem Abendmahls-Bericht spricht Johannes nicht von der Einsetzung der Eucharistie, sondern stattdessen berichtet er über die Fußwaschung. Man versteht daher, wie wichtig es ist, die Bedeutung richtig zu erfassen, die für Johannes die Geste Jesu hat.
In der Fußwaschung hat Jesus den Sinn seines ganzen Lebens noch einmal zusammenfassen wollen, damit er sich dem Gedächtnis der Jünger gut einpräge. Das gesamte Leben Jesu, vom Anfang bis zum Ende, war eine Fußwaschung, ein Dienst an den Menschen. Es war – wie H. Schürmann sagt – eine Pro-Existenz, das heißt eine für die anderen gelebte Existenz.
2. Der Dienst an den Armen
Mit den Worten „Handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ setzt Jesus somit die diakonia ein, den Dienst, und er erhebt ihn zu einem Modell für alle Beziehungen in der Kirche. Jeder hat in der Kirche seinen Dienst. Doch wir wollen etwas sagen über einen besonderen Dienst, der alle in der Kirche betrifft, Priester wie Laien: den Dienst an den Armen.
Die größte Sünde gegen die Armen ist vielleicht die Gleichgültigkeit, so zu tun, als sähe man sie nicht. Wir sind bestrebt, zwischen uns und die Armen Isolierfenster zu setzen. Deren heute so sehr genutzte Wirkung liegt darin, das Eindringen von Kälte und Lärm zu verhindern; sie mildern alles, dämpfen es wie Watte. In der Tat sehen wir am Fernsehschirm und in den Tageszeitungen, wie die Armen sich bemerkbar machen, sich erregen, schreien, aber ihr Ruf kommt zu uns wie aus weiter Ferne. Er dringt uns nicht ins Herz.
Das erste also, was den Armen gegenüber getan werden muß, ist, die Isolierscheiben zu beseitigen, die Gleichgültigkeit und die Gefühllosigkeit aufzugeben. Die innere Abwehr aufzugeben und sich von einer gesunden Unruhe ergreifen zu lassen über das entsetzliche Elend, das in der Welt herrscht.
Mit der Zeit gewöhnt man sich leider an alles, und wir haben uns an das Elend der anderen gewöhnt. Es beeindruckt uns nicht sonderlich, wir setzen es fast als unvermeidlich voraus. Aber versetzen wir uns für einen Augenblick in die Lage Gottes, versuchen wir, die Dinge so zu sehen, wie er sie sieht.
Mit dem Kommen Jesu Christi hat das Problem der Armen in der Geschichte eine neue Dimension angenommen. Es ist nicht nur ein soziologisches, sondern auch ein christologisches Problem geworden. Jesus von Nazaret hat sich mit den Armen identifiziert. Der über das Brot die Worte sprach: “Das ist mein Leib”, hat dieselben Worte auch über die Armen gesprochen. Er erklärte nämlich: was ihr für den Hungrigen, den Durstigen, den Gefangenen, den Nackten und den Fremden getan habt, “das habt ihr mir getan” oder: “das habt ihr mir nicht getan” (vgl. Mt 25,31ff.). Mit anderen Worten: “Jener zerlumpte Mensch, der ein bißchen Brot brauchte, jener Arme, der die Hand ausstreckte, das war ich!”
Ich kann mich gut daran erinnern, als diese Wahrheit das erste Mal blitzartig in mir “explodierte”. Ich besuchte ein Missionsland der Dritten Welt. Überall ein Bild des Elends: Kinder in Lumpenfetzen, mit aufgeblähtem Bauch und dem Gesicht voller Fliegen; Menschen, die einem Müllwagen nachliefen, in der Hoffnung, aus dem Abfallhaufen etwas für sich herauszufischen...Als ich das beobachtete, hörte ich gleichsam eine Stimme in mir dröhnen: “Das ist mein Leib. Das ist mein Leib”. Da stockte mir der Atem.
3. Eine „Real“-Präsenz
Im Armen und im Hungrigen ist Christus nicht in derselben Weise gegenwärtig wie im Zeichen von Brot und Wein auf dem Altar, aber in gewisser Weise handelt es sich genauso um eine Real-Präsenz, das heißt um eine wirkliche, nicht eine vorgetäuschte oder eingebildete Gegenwart, denn Jesus hat sich mit ihnen identifiziert. Er hat dieses Zeichen „eingesetzt“, wie er auch die Eucharistie eingesetzt hat.
Man kann Christus nicht ganz empfangen, wenn man nicht bereit ist, mit ihm auch den Armen zu empfangen. Als Blaise Pascal auf dem Sterbebett lag, zögerte man, ihm das Viaticum zu reichen, weil er das, was er zu sich nahm, nicht bei sich behalten konnte. Darum bat er, einen Armen in sein Zimmer zu bringen, und sagte: „Wenn ich nicht mit dem Haupt in Kommunion treten kann, möchte ich wenigstens in Kommunion mit einem seiner Glieder treten“.
Der heilige Chrysostomus hat jene enge Verbindung zwischen der Gegenwart Jesu auf dem Altar und der Gegenwart Jesu im Armen deutlich gemacht:
„Du willst“ – so schreibt er – „den Leib Christi ehren? Dann laß nicht zu, daß er in seinen Gliedern, das heißt in den Armen, der Verachtung preisgegeben ist, weil sie keine Kleider haben, um sich zu bedecken. Ehre ihn nicht hier in der Kirche mit Seidenstoffen, während du draußen an ihm vorübergehst, wenn er unter der Kälte und unter seiner Nacktheit leidet… Was hat Christus davon, wenn der Opfertisch beladen ist mit goldenen Gefäßen, er aber in der Person des Armen vor Hunger stirbt? Sättige zuerst den Hungernden, und erst danach schmücke den Altar mit dem, was übrigbleibt. Du willst ihm einen goldenen Kelch darbringen und bist nicht bereit, ihm einen Becher Wasser zu reichen? Was hat es für einen Sinn, seinen Altar mit Goldschleiern zu schmücken, wenn du ihm dann nicht die notwendige Kleidung gibst?… Während du also den Kultraum schmückst, verschließe nicht dein Herz vor deinem Bruder, der leidet. Dieser ist ein lebendiger Tempel, und kostbarer als jener“.
Der heilige Paulus sah in der Tatsache, daß „der eine hungert, während der andere schon betrunken ist“, ein Hindernis für die Eucharistiefeier. Was ihr bei euren Zusammenkünften tut,- so schrieb er an die Korinther – ist keine Feier des Herrenmahls mehr; denn jeder verzehrt sogleich seine eigenen Speisen, und dann hungert der eine, während der andere schon betrunken ist (1Kor 11, 20-21).
Wenn er sagt, daß es keine Feier des Herrenmahls mehr ist, dann bedeutet dies, daß es keine Eucharistie mehr ist. Das ist – auch vom theologischen Standpunkt aus – eine schwerwiegende Aussage, der man nicht die nötige Aufmerksamkeit schenkt.
Diese Situation, in der „der eine hungert und der andere schon betrunken ist“, herrscht unter uns, nicht nur in unserer direkten Umgebung, sondern weltweit. Jemand hat einmal die Welt mit einem Raumschiff im Kosmos verglichen, in dem einer der drei Kosmonauten an Bord 85 Prozent der vorhandenen Vorräte verbraucht und alles tut, um sich auch die restlichen 15 Prozent zu sichern.
Das Herrenmahl kann nicht den Gastmählern des reichen Prassers gleichen, wo man fröhlich schwelgte und dabei den armen Lazarus vergaß, der vor der Tür lag. Der Wunsch, mit den Bedürftigen zu teilen, seien sie nun in unserer Nähe oder weit entfernt, muß ein wesentlicher Bestandteil unserer eucharistischen Frömmigkeit und unserer eucharistischen Praxis sein.
Unmittelbar nachdem Jesus den Aposteln die Bedeutung der Fußwaschung erklärt hatte, sagte er zu ihnen: Selig seid ihr, wenn ihr das wißt und danach handelt (Joh 13, 17). Auch wir werden selig sein, wenn wir uns nicht damit begnügen werden, diese Dinge zu wissen – daß wir in der Eucharistie zum Dienen und zum Teilen aufgerufen sind –, sondern wenn wir sie auch in die Tat umsetzen werden.
Der am Anfang zitierte Text aus dem Johannesbrief geht weiter mit den Worten: Wenn jemand Vermögen hat und sein Herz vor dem Bruder verschließt, der in Not ist, wie kann die Gottesliebe in ihm bleiben? Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit (1 Joh 3,18).
Es geht nicht nur darum, Geld zu geben, sondern auch darum, etwas von seiner Zeit zu geben. Die Armen und Leidenden brauchen Solidarität und Liebe nicht weniger als Brot zum Essen und Kleidung zum Anziehen.
Angesichts des Elends der Welt gilt es nicht, mit Gott zu hadern, sondern mit uns selbst. Irgendwo habe ich diese Anekdote gelesen. Ein Mann sah eines Tages ein kleines Mädchen, das vor Kälte zitterte und vor Hunger weinte. Da empörte er sich, und voll wütender Auflehnung schrie er: “Gott, wo bist du? Warum machst du denn nichts für dieses unschuldige Geschöpf?” Doch Gott antwortete ihm: “Aber natürlich habe ich etwas für sie gemacht. Ich habe dich gemacht!” Ja, er hat uns gemacht... |