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Die Eucharistie bildet die Kirche durch Kommunion
2003-11-12- Exerzitien für Priester
„WER MICH ISST, WIRD DURCH MICH LEBEN“

Ein atheistischer Philosoph hat einmal gesagt: „Der Mensch ist, was er ißt“, womit er zum Ausdruck bringen wollte, daß es im Menschen keinen qualitativen Unterschied gebe zwischen Materie und Geist, sondern sich alles in ihm auf die organische und materielle Komponente zurückführen lasse. Doch wieder einmal hat hier ein Atheist, ohne sich dessen bewußt zu sein, die beste Formulierung für ein christliches Geheimnis geliefert. Dank der Eucharistie ist der Christ wahrhaftig, was er ißt! Vor langer Zeit schon schrieb Leo der Große: „Unsere Teilhabe an Christi Leib und Blut dient allein dazu, uns zu dem werden zu lassen, was wir essen“.1
Die Kirchenväter haben dieses Geheimnis am Beispiel der physischen Ernährung anschaulich gemacht. Das schwächere Lebensprinzip wird dem stärkeren angeglichen und nicht umgekehrt. Das Pflanzliche assimiliert das Mineralische, das Tierische das Pflanzliche, der Geist die Materie. Der hl. Augustinus läßt Jesus zu dem, der ihn empfängt, sagen: „Nicht du wirst mich in dich verwandeln, sondern ich werde dich mir angleichen“.

Während sich also die körperliche Nahrung in den umwandelt, der sie zu sich genommen hat, und somit Brot und Fisch und jede andere Speise zu menschlichem Blut werden, geschieht hier genau das Gegenteil. Das Brot des Lebens verändert den, der sich von ihm nährt, nimmt ihn in sich auf und wandelt ihn in sich um. Wenn wir sagen, daß Jesus uns sich „angleicht“, dann bedeutet dies konkret, daß er unsere Gefühle, unsere Art zu denken und unsere Wünsche den seinen gleich macht; kurz, er läßt uns „so gesinnt sein, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht“ (vgl. Phil 2, 5).

1. Kommunion – Teilhabe an Christi Leib und Blut

Doch mit wem und womit genau treten wir in der Eucharistie in Gemeinschaft? Der heilige Paulus schreibt: Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? (1 Kor 10, 16).

In der Sprache der Bibel (ich habe dies gestern bereits erwähnt, möchte es aber nochmals betonen) haben die Begriffe Leib und Blut eine konkrete und historische Bedeutung; sie bezeichnen das ganze Leben Christi, oder besser: sein Leben und seinen Tod. Der Leib steht nicht so sehr für eine metaphysische Komponente des Menschen als vielmehr für einen Lebensumstand, nämlich das im Leib gelebte Leben. Leib bezeichnet – wie übrigens auch der im Johannesevangelium verwendete Begriff „Fleisch“ – den ganzen Menschen.

Dasselbe gilt für das Wort Blut. Es bezeichnet nicht einen Teil eines Teils des Menschen (das Blut ist Teil des Leibes!), sondern eine konkrete Realität, ja ein konkretes Ereignis: es bezeichnet den Tod. Nicht irgendeinen Tod, sondern den gewaltsamen Tod und in der Terminologie der Bundesopfer den Sühnetod (vgl. Ex 24, 8).

Daraus ergibt sich eine wichtige Folgerung: mit dem Empfang der Kommunion können wir jeden Augenblick und jede Erfahrung im Leben Jesu von neuem erleben und mit ihm teilen, denn in Leib und Blut wird uns sein ganzes Leben geschenkt und gegenwärtig.

2. Wer sich an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm

In den berühmten mystagogischen Katechesen, die dem heiligen Cyrill von Jerusalem zugeschrieben werden, lesen wir: „In der Gestalt des Brotes wird dir der Leib gegeben, und in der Gestalt des Weines das Blut, auf daß du durch die Teilhabe an Christi Leib und Blut eines Leibes und eines Blutes mit ihm werdest“.

Kühne Worte, doch die Kirchenväter hatten keinen Hang zu Übertreibungen. Tatsache ist, daß die eucharistische Gemeinschaft von solcher Tiefe ist, daß alle menschlichen Vergleiche, die man anführen könnte, von ihr übertroffen werden. Jesus führt das Beispiel von Weinstock und Rebe an. Gewiß handelt es sich hierbei um eine denkbar enge Verbindung; Weinstock und Rebe teilen sich denselben Pflanzensaft, dasselbe Leben; wird die Rebe vom Weinstock getrennt, so stirbt sie. Doch weder der Weinstock noch die Rebe „wissen“ von dieser ihrer Verbindung, denn sie haben keine Seele!

Zuweilen führt man auch das Beispiel der Ehegatten an, die, wenn sie sich vereinigen, „ein Fleisch“ bilden; gleichwohl handelt es sich auch hier um eine andere und deutlich niedrigere Ebene: die des Fleisches, nicht die des Geistes. Die Ehepartner können ein Fleisch bilden, nicht jedoch einen Geist, es sei denn in moralischem Sinne. Wer sich dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm (1 Kor 6, 17). Und genau hierin liegt die Kraft der eucharistischen Gemeinschaft; in ihr werden wir ein Geist mit Jesus, d.h. wir teilen den selben Heiligen Geist mit Ihm.
Im Sakrament vollzieht sich jedesmal von neuem das, was in der Geschichte ein einziges Mal geschehen ist. Im Augenblick der Geburt ist es der Heilige Geist, der der Welt den Gesalbten, Christus, schenkt (Maria nämlich empfing durch das Wirken des Heiligen Geistes); im Augenblick des Todes ist es Christus, der der Welt den Heiligen Geist schenkt (als er starb, „hauchte er den Geist aus“). Ähnlich ist es in der Eucharistie: in der Konsekration schenkt uns der Heilige Geist Christus (es ist der Heilige Geist, der Christus auf dem Altar gegenwärtig werden läßt!), in der Kommunion schenkt uns Christus den Heiligen Geist.

Der heilige Irenäus sagt sogar, der Heilige Geist sei „selbst unsere Kommunion mit Christus“. Er ist – um es mit den Worten eines modernen Theologen auszudrücken – die „Unmittelbarkeit“ unserer Beziehung zu Christus8, im Sinne, daß er als Mittler dient zwischen uns und ihm, ohne jedoch irgendeine Trennung zu schaffen; ohne daß etwas „zwischen“ uns und Jesus stehen würde, denn auch Jesus und der Heilige Geist sind – wie Jesus und der Vater – „eins“.

Beim eucharistischen Mahl stellt sich die „nüchterne Trunkenheit des Geistes“ ein. Der heilige Ambrosius schreibt: „Jedesmal, wenn du trinkst, empfängst du Vergebung deiner Sünden und berauschst dich im Geiste. Der Apostel sagt: Berauscht euch nicht mit Wein,…sondern laßt euch vom Geist erfüllen (Eph 5, 18); wer sich am Wein berauscht, schwankt und ist unsicher, doch wer sich am Geist berauscht, wird gleichsam verwurzelt in Christus. Eine heilige Trunkenheit ist die, welche die Nüchternheit des Herzens bewirkt“.

Die Wirkung der Trunkenheit besteht immer darin, den Menschen aus sich selbst, aus den ihm eigenen engen Grenzen herausgehen zu lassen. Während jedoch der Mensch infolge materieller Trunkenheit (Alcool, Drogen) aus sich selbst herausgeht, um „unterhalb“ seiner Verstandesebene zu leben, wie die Tiere gewissermaßen, geht er bei der spirituellen Trunkenheit aus sich heraus, um „oberhalb“ seiner eigenen Vernunft zu leben, in der Dimension Gottes.

Jede Kommunion müßte in einer Ekstase enden, wenn wir unter diesem Wort nicht die außerordentlichen Vorfälle verstehen, von denen sie zuweilen bei den Mystikern begleitet ist, sondern wörtlich das Herausgehen (ekstasis) des Menschen aus sich selbst, das „Nicht mehr ich lebe“ des Paulus.

3. Kommunion – die Gemeinschaft mit dem Vater

Durch Jesus und seinen Geist gelangen wir in der eucharistischen Gemeinschaft schließlich auch zum Vater. In seinem „Hohepriesterlichen Gebet“ sagt Jesus zum Vater: Sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir (Joh 17, 22f.). Diese Worte: „Ich in ihnen und du in mir“ bedeuten, daß Jesus in uns ist, und daß in Jesus der Vater ist. Man kann also nicht den Sohn empfangen, ohne mit ihm auch den Vater zu empfangen. Dies hat seine letzte Ursache darin, daß Vater, Sohn und Heiliger Geist eine einzige und untrennbare göttliche Natur sind, sie sind „eins“. Was Jesus zu Philippus sagte: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9), gilt auch hier: Wer mich empfangen hat, hat den Vater empfangen“.

Wir treten also in eine geheimnisvolle, doch wahre und tiefe Gemeinschaft mit der gesamten Dreifaltigkeit: mit dem Vater, durch Christus, im Heiligen Geist. Die ganze Dreifaltigkeit ist am Altar unsichtbar gegenwärtig. Genau das will die berühmte Dreifaltigkeitsikone von A. Rubljow veranschaulichen. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind in der Gestalt der drei Engel, die dem Abraham unter der Eiche von Mamre erschienen, dargestellt. Sie bilden eine Art mystischen Kreis um den Altar herum und scheinen dem Betrachter zu sagen: „Ihr sollt eins sein, wie auch wir eins sind!“.

4. Kommunion – die Gemeinschaft mit dem Leib Christi, der die Kirche ist

Bisher haben wir uns darauf beschränkt, den vertikalen Aspekt der Kommunion zu betrachten, die Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Doch in der Eucharistie vollzieht sich auch eine horizontale Gemeinschaft, die Gemeinschaft mit den Brüdern und Schwestern. In dem Text, den ich zu Anfang zitiert habe, sagt der heilige Paulus: Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es, darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot (1Kor 10, 16-17).

In diesem Abschnitt kommt zweimal das Wort „Leib“ vor; das erste Mal bezeichnet es den wirklichen Leib Christi, das zweite Mal seinen mystischen Leib, die Kirche. Deutlicher konnte man nicht zum Ausdruck bringen, dass die Eucharistie zugleich eine Kommunion mit Gott und eine Kommunion der Menschen untereinander ist.
Das eucharistische Brot verwirklicht die Einheit der Glieder untereinander, indem es sie versinnbildlicht. Auch hier gilt für das Sakrament: „significando causat“. In der Kommunion wird „die Einheit des Volkes Gottes…sinnvoll bezeichnet und wunderbar bewirkt“.20 Mit anderen Worten: was die Zeichen von Brot und Wein auf der Ebene des Sichtbaren ausdrücken – die Einheit unzähliger Getreidekörner und einer großen Menge von Trauben –, das verwirklicht das Sakrament im Innern, auf der Ebene des Geistigen.

„Das Sakrament verwirklicht es“: doch nicht automatisch und von alleine, sondern durch unseren Einsatz. Mein Mitmensch kann mir nicht länger gleichgültig sein, wenn ich Eucharistie feiere; ich kann ihn nicht zurückweisen, ohne Christus selbst zurückzuweisen und so mich selber aus der Einheit herauszulösen.

Wer bei der Kommunion vorgäbe, in Liebe zu Christus zu entbrennen, nachdem er gerade einen Brüder oder eine Schwester gekränkt oder verletzt hat, ohne sie um Verzeihung zu bitten oder dies wenigstens fest vorzuhaben, gleicht – um Augustinus noch einmal zu zitieren – jemandem, der nach langer Zeit einen Freund trifft, sich auf die Zehenspitzen stellt, um ihn auf die Stirn zu küssen und ihm so seine ganze Liebe zu zeigen, dabei aber nicht merkt, daß er ihm gleichzeitig mit seinen Nagelschuhen auf die Füße tritt! Die Füße Jesu sind die Glieder seines Leibes, insbesondere die Ärmsten und Geringsten unter ihnen. Er liebt diese seine „Füße“, und jenem Menschen könnte er zurufen: Du ehrst mich vergebens!

Der Christus, der in der Kommunion zu mir kommt, ist derselbe ungeteilte Christus, der auch zu meinem Mitmenschen kommt, der neben mir steht; in dem Augenblick, da er uns alle an sich bindet, bindet er uns sozusagen alle aneinander.


Nun haben wir begriffen, zu wem wir Amen sagen im Augenblick der Kommunion, und was es bedeutet. Wir hören die Worte: „Der Leib Christi!“ und antworten: Amen! Wir sagen Amen zum allerheiligsten Leib Jesu, von Maria geboren und für uns gestorben, doch wir sagen auch Amen zu seinem mystischen Leib, der Kirche, und das sind, konkret gesprochen, die Brüder und die Schwestern, die sich im Leben oder am Tisch des Herrn in unserer Nähe befinden. Wir können die beiden Leiber nicht voneinander trennen und den einen ohne den anderen akzeptieren.

Es mag uns nicht schwerfallen, zu vielen, vielleicht zu den meisten unserer Mitmenschen Amen zu sagen. Doch unter ihnen wird immer einer sein, der uns weh tut, durch seine oder unsere Schuld. In diesem Fall Amen zu sagen, ist schwieriger, birgt jedoch eine spezielle Gnade in sich.

Rufen wir uns die Worte Christi ins Gedächtnis: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe“ (Mat 5,23-24). Wenn du zu deinem Bruder oder deiner Schwester mit deinem Leib nicht gehen kannst, gehe zu ihm oder zu ihr mit deinem Herzen.

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