DAS IST MEIN LEIB DER FÜR EUCH HINGEGEBEN WIRD“
1. „Nehmt und eßt alle davon…“
„Die Eucharistie bildet die Kirche“. Dieser Satz ist mittlerweile zu einem Axiom geworden. Es lohnt sich aber, ihn unter verschiedenen Gesichtspunkten zu beleuchten, um seine Aussage aufzufächern und für jeden von uns lebendig zu machen. Es gibt nämlich unterschiedliche Arten, wie die Eucharistie die Kirche „bildet“, das heißt sie zum Leib Christi werden läßt: durch Konsekration, durch Kommunion und durch Imitation. Wir wollen in dieser ersten Homilie über die erste dieser Arten nachdenken: die Eucharistie bildet die Kirche durch Konsekration.
Als Jesus das Brot gebrochen hatte und begann, es an seine Jünger zu verteilen, sagte er zu seinen Jüngern: Nehmt und eßt; das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird (Mt 26, 26; Lk 22, 19). Ich möchte erzählen, wie mir bewußt geworden ist, daß wir uns diese Worte zu eigen machen müssen. Bis vor einigen Jahren habe ich den Augenblick der Konsekration in der heiligen Messe folgendermaßen erlebt: Ich schloß die Augen, senkte den Kopf, versuchte, mich von allem zu lösen, was mich umgab, und mich ganz in Jesus hineinzuversetzen, als er, im Abendmahlssaal, vor seinem Sterben, zum ersten Mal jene Worte aussprach: Nehmt, eßt…
Dieses Verhalten wurde von der damaligen Liturgie selbst begünstigt, die vorsah, daß man die Konsekrationsworte halblaut in Latein sprach, über die Gestalten von Brot und Wein gebeugt, mit dem Rücken zum Volk. Doch nach dem II. Vatikanischen Konzil begriff ich eines Tages, daß dieses Verhalten allein meine Teilnahme an der Konsekration noch nicht in ihrer ganzen Bedeutung zum Ausdruck brachte. Jenen Jesus aus dem Abendmahlssaal gibt es nicht mehr! Es gibt nur mehr den auferstandenen Jesus: den Jesus, um es genau zu sagen, der tot war, doch nun in alle Ewigkeit lebt (vgl. Offb 1, 18). Aber dieser Jesus ist der „ganze Christus“, Haupt und Leib untrennbar miteinander verbunden.
Wenn also dieser ganze Christus die Konsekrationsworte ausspricht, dann spreche auch ich sie gemeinsam mit ihm. Verborgen in dem großen „Ich“ des Hauptes ist das kleine „ich“ des Leibes, das heißt der Kirche. Und auch mein winziges „ich“ ist darin enthalten, und es sagt zu den Anwesenden: „Nehmt, eßt; das ist mein Leib, den ich für euch hingeben will!“. Während ich also als geweihter Priester der katholischen Kirche diese Worte in persona Christi – im Namen Christi – wiederhole und glaube, dass sie die Macht haben, das Brot und den Wein zu konsekrieren, sage ich sie auch persönlich, in meinem Namen.
Seit dem Tag, an dem ich dies begriffen habe, schließe ich bei der Konsekration nicht mehr die Augen, sondern sehe die Brüder und Schwestern vor mir an oder denke, wenn ich allein zelebriere, an diejenigen, denen ich an diesem Tag begegnen und denen ich meine Zeit widmen werde, oder ich denke sogar an die ganze Kirche und wende mich an sie mit den Worten Jesu: „Nehmt, eßt: das ist mein Leib“.
Einige Worte des heiligen Augustinus machten mir später deutlich, dass dieser Gedanke zur „gesündesten“ Lehre der Tradition gehört. „Die ganze erlöste Stadt, das heißt die versammelte Gemeinschaft der Heiligen“ – so schreibt Augustinus – „wird Gott als ein allumfassendes Opfer dargebracht durch die Mittlerschaft des erhabenen Hohenpriesters, der sich in seinem Leiden selbst für uns hingab in der Gestalt eines Knechtes, damit wir der Leib eines so erhabenen Hauptes seien. Die Kirche feiert dieses Geheimnis im Sakrament des Altares, das den Gläubigen wohlbekannt ist; darin wird gezeigt, daß in dem, was sie opfert, sie selbst es ist, die geopfert wird (in ea re, quam offert, ipsa offertur)“.
Darum sagte der hl. Augustinus oft zu seiner Gemeinde: „Es ist euer Geheimnis, das auf dem Altar begangen wird“ (Mysterium vestrum est). Dieses ist das Geheimnis des Leibes Christi und ihr seid doch der Leib Christi.1 „Euer Geheimnis“ nicht nur in dem Sinn, dass ihr es empfangen werdet, sondern auch weil ihr an seiner Verwirklichung teilhabt.
Die Kirche ist in der Eucharistie Opfernde und Geopferte zugleich, und dies in jedem ihrer Glieder. Diese beiden Rollen lassen sich nicht voneinander trennen und aufteilen, so als ob die Amtskirche (der Priester) die Opfernde wäre und der Rest der Kirche (die Laien) das Opfer. Jedes Glied der Kirche ist gleichzeitig Priester und Opfer, natürlich unter Beibehaltung des Unterschiedes zwischen Amtpriestertum und universalem Priestertum aller Getauften.
Somit ist also an dieser Sichtweise der Eucharistischen Konsekration alles klar und eindeutig. Der Leib Christi ist zweifach auf dem Altar gegenwärtig: da ist zum einen sein wirklicher Leib („geboren von der Jungfrau Maria“, auferstanden und in den Himmel aufgefahren), und da ist zum andern sein mystischer Leib, die Kirche. Nun also: sein realer Leib ist auf dem Altar real gegenwärtig, sein mystischer Leib ist mystisch gegenwärtig, und „mystisch“ bedeutet hier: kraft seiner unteilbaren Einheit mit dem Haupt.
Da es auf dem Altar zwei „Opfer“ und zwei „Gaben“ gibt – die eine, die zu Christi Leib und Blut werden soll (Brot und Wein), und die andere, die zum mystischen Leib Christi werden soll –, gibt es in der Messe auch zwei „Epiklesen“, das heißt zwei Anrufungen des Heiligen Geistes. In der ersten heißt es: „Darum bitten wir dich: Sende deinen Geist auf diese Gaben herab und heilige sie, damit sie uns werden Leib und Blut deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus“; und in der zweiten, deren Worte nach der Konsekration gesprochen werden: „…und erfülle uns mit seinem Heiligen Geist, damit wir ein Leib und ein Geist werden in Christus. Er (der Geist) mache uns auf immer zu einer Gabe, die dir wohlgefällt“.
2. „Das ist mein Leib, das ist mein Blut“
Nun können wir aus dieser Lehre die praktischen Konsequenzen für unser alltägliches Leben ziehen. Wenn auch wir bei der Konsekration zu unseren Brüdern und Schwestern sagen: „Nehmt, eßt: das ist mein Leib; nehmt, trinkt: das ist mein Blut“, dann müssen wir wissen, was „Leib“ und „Blut“ bedeuten, um zu begreifen, was wir opfern.
Was wollte Jesus uns zum Geschenk machen, als er beim letzten Abendmahl sprach: „Das ist mein Leib“? In der Bibel bezeichnet das Wort „Leib“ kein Element, keinen Teil des Menschen, der gemeinsam mit den anderen Elementen, Seele und Geist, den ganzen Menschen bildet. So denken wir als Erben der griechischen Kultur, die sich den Menschen in drei Ebenen vorstellt (Trichotomie).
In der Sprache der Bibel und damit in der Sprache Jesu und des Apostels Paulus bezeichnet „Leib“ den ganzen Menschen, insoweit er sein Leben in einem Leib lebt, in einer körperlichen und sterblichen Bedingtheit. Jesus hat uns, als er die Eucharistie einsetzte, sein ganzes Leben als Geschenk hinterlassen, vom ersten Moment der Inkarnation bis zum letzten Augenblick, mit allem, was dieses Leben ganz konkret erfüllt hatte: Schweigen, Plagen, Freuden, Mühen, Gebet, Kämpfe, Demütigungen…
Und dann sagt Jesus auch: Das ist mein Blut. Was kann denn das Wort „Blut“ noch hinzufügen, wenn er uns in seinem Leib bereits sein ganzes Leben geschenkt hat? Nachdem er uns das Leben geschenkt hat, gibt er uns auch dessen kostbarsten Teil, seinen Tod. Der Begriff „Blut“ nämlich bezeichnet in der Bibel nicht einen Teil des Leibes, also einen Teil eines Teiles des Menschen; vielmehr bezeichnet er ein Ereignis: den Tod. Wenn das Blut der Sitz des Lebens ist (so stellte man es sich damals vor), dann ist das „Vergießen“ von Blut ein bildhaftes Zeichen für den Tod. Die Eucharistie ist das Mysterium vom Leib und vom Blut des Herrn, das heißt von des Herrn Leben und Tod!
Doch nun zu uns: was opfern wir, wenn wir gemeinsam mit Jesus in der Messe unseren Leib und unser Blut darbringen? Auch wir opfern, was Jesus opferte: das Leben und den Tod. Mit dem Wort „Leib“ geben wir ganz konkret all das, woraus unser Leben besteht, das wir in diesem Leibe führen: Zeit, Gesundheit, Tatkraft, Fähigkeiten, Zuneigung, vielleicht auch nur ein Lächeln, das einzig der in einem Körper lebende Geist hervorzubringen vermag, und das etwas so Kostbares sein kann.
Mit dem Wort „Blut“ bringen auch wir das Opfer unseres Todes zum Ausdruck; doch nicht den endgültigen Tod, das Martyrium für Christus oder für die Brüder und Schwestern. Tod ist all das, was in uns schon jetzt den Tod vorbereitet oder vorwegnimmt: Demütigungen, Mißerfolge, Krankheiten, die uns lähmen, Einschränkungen aufgrund des Alters oder des Gesundheitszustandes, alles, was etwas in uns „abtötet“.
All dies erfordert aber, daß wir uns, sobald wir aus der Messe kommen, an die Verwirklichung dessen geben, was wir gesagt haben; daß wir uns, bei allen Grenzen, an die wir stoßen werden, dennoch ehrlich bemühen, den Mitmenschen unseren „Leib“ zu opfern, das heißt unsere Zeit, unsere Energie, unsere Aufmerksamkeit – in einem Wort: unser Leben. Andernfalls bliebe alles nur leeres Gerede, ja Lüge.
Nachdem Jesus jene Worte gesprochen hatte: „Nehmt…das ist mein Leib; nehmt… das ist mein Blut“, ließ er nicht viel Zeit verstreichen, ehe er sein Versprechen einlöste: nur wenige Stunden später hat er sein Leben und sein Blut am Kreuz hingegeben.. Wenn wir also zu unseren Brüdern und Schwestern gesagt haben: „Nehmt, eßt“, dann müssen wir uns auch wirklich „essen“ lassen, und zwar vor allem von denjenigen, die dies eben nicht mit dem Zartgefühl und der Liebenswürdigkeit tun, die wir uns eigentlich wünschen würden.
Auf dem Weg nach Rom, wo er den Märtyrertod erleiden sollte, schrieb der heilige Ignatius von Antiochien: „Ich bin ein Weizenkorn Christi: möge ich doch zermahlen werden von den Zähnen der wilden Tiere, um zu reinem Brot zu werden für den Herrn“.5 Jeder von uns wird, wenn er sich genau umsieht, feststellen, daß auch er von solchen scharfen Zähnen wilder Tiere zermalmt wird: es sind Kritiken, Gegensätze, Widerspruch in versteckter oder offener Form, Unterschiede in den Charakteren.
3. Unsere Anteilnahme an der Konsekration
Versuchen wir uns vorzustellen, was geschähe, wenn wir mit dieser persönlichen Anteilnahme die Messe zelebrieren und alle sagen würden: Nehmt, eßt... Jeder natürlich seinem Amt entsprechend: der Priester laut, weil er „in persona Christi“ spricht und die Macht hat, das Brot und den Wein zu konsekrieren, die Laien schweigend, in ihrem Herzen, wegen ihres universalen Priestertums.
Worte, die aus dem Mund Jesu kommen (ipsissima vox Jesus nennen sie die Exegeten), besitzen eine besondere Kraft, die Gesinnungen Jesu in uns aufkommen zu lassen. In Schmerz und Not wiederholen wir gern die Worte Jesu in Getsemani: Nimm diesen Kelch von mir!; warum sollten nicht die Worte der Einsetzung der Eucharistie in gleicher Weise von jedem Gläubigen benutzt werden?
Ein Priester hat einmal folgendes Zeugnis gegeben. Wenn er die Messe in seiner Pfarrei zelebrierte, war unter den Gläubigen eine alte Frau, die immer die Worte der Konsekration mit leiser Stimme mitsprach. Eines Tages ging er nach der Messe auf sie zu, um sie deswegen zu tadeln und zurechtzuweisen. Sie entschuldigte sich und sagte: „Aber Pater, ich kann keine besseren Worten finden“. „Ich schämte mich sehr“, vertraute der Priester uns an, „und habe sie danach nicht mehr belästigt.“
Stellen wir uns also vor, dass eine Mutter ihre Messe in dieser Weise feier; dann geht sie nach Hause und beginnt ihren Tagesablauf, der aus tausend kleinen Dingen besteht. Ihr Leben ist buchstäblich zerbröckelt; doch das, was sie tut, ist deshalb nicht wertlos: es ist Eucharistie in Gemeinschaft mit Jesus!
Eine Ordensschwester erlebt so ihre Messe, dann geht auch sie zu ihrer alltäglichen Arbeit: Kinder, Kranke, alte Leute. Auch ihr Leben kann wie zu Staub zerrieben erscheinen zwischen tausenderlei Dingen, die, wenn der Abend kommt, keine Spuren hinterlassen; ein verlorener Tag. In Wirklichkeit ist es Eucharistie; sie hat das eigene Leben „gerettet“!
Ein Priester, ein Pfarrer zelebriert so seine Messe, dann geht er: er betet, er predigt, er hört Beichte, empfängt Leute, besucht Kranke, hört zu; auch sein Tag ist Eucharistie. Ein großer geistlicher Lehrmeister, Pierre Olivaint S.J., hat einmal gesagt: „Morgens, in der Messe, bin ich der Priester, und Jesus ist das Opfer; tagsüber ist Jesus der Priester und ich bin das Opfer“.
Es ist besonders wichtig, den jungen Leuten zu helfen, die Eucharistie in dieser ganz persönlichen Weise zu feiern. Was verlangt denn die heutige Welt von den jungen Menschen? Nichts anderes als den Leib, wenigstens so lange er gesund, schön und anziehend ist. Die Eucharistie kann unseren jungen Christen helfen, diesem Druck zu widerstehen. Nachdem sie in der Messe mit Jesus „Das ist mein Leib“ gesagt haben, begreifen sie, dass ihr Leib etwas heiliges und kostbares ist, das nicht für ein augenblickliches Vergnügen hingegeben werden darf, sondern als ein Geschenk der Liebe in der Ehe oder im gottgeweihten Leben zur Verherrlichung Gottes dienen soll.
Und wenn wir von dem Leib der jungen Leuten sprechen meinen wir nicht die bloße Sexualität, sondern alles, was die Jugend kennzeichnet: Freude, Enthusiasmus, Fröhlichkeit, Hoffnung, Lebenslust... Das ist das beste, was sie mit anderen zu teilen haben.
Doch wir dürfen nicht vergessen, daß wir auch unser Blut aufgeopfert haben, das heißt unsere Mißerfolge und unsere Demütigungen. Sie sind der bessere Teil, den Gott selbst für die Bedürftigsten in der Kirche vorgesehen hat. Gerade dann, wenn wir nicht mehr gehen und tun können, was wir wollen, haben wir die Gelegenheit, Christus, der großen Hostie, ähnlicher zu werden.
Dank der Eucharistie gibt es kein Leben mehr auf der Welt, das „nutzlos“ wäre; keiner muß mehr die Frage stellen: „Wozu ist mein Leben gut? Weshalb bin ich auf der Welt?“. Du bist auf der Welt um des höchsten Zieles willen, das es geben kann: um ein lebendiges Opfer zu sein, eine Eucharistie in Gemeinschaft mit Jesus. |