„Nur die Liebe schuldet ihr einander“ (Rm 13, 8)
Der Römerbrief beginnt mit einem feierlichen Gruß:
“An alle in Rom, die von Gott geliebt sind, die berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!” (Röm 1, 7).
Auf den ersten Blick kann das wie ein einfacher Gruß erscheinen, wie es ihn am Anfang jedes Briefes gibt; in Wirklichkeit ist darin aber eine Botschaft enthalten. Und was für eine Botschaft! Ich verkünde euch – will das heißen – daß ihr von Gott geliebt seid; daß ein für allemal Frieden geschlossen ist zwischen Himmel und Erde; ich verkünde euch, daß ihr “in der Gnade” seid!
Da der Brief an die Römer »lebendiges und ewiges« Wort Gottes ist, sind in diesem Augenblick auch wir die Adressaten dieses Briefes. Der Gruß muß also so verstanden werden: “An alle, die im Dom zu Münster versammelt sind, die von Gott geliebten und berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!”
Wir wollen die Botschaft von der Liebe im Römerbrief anhand einiger großer Worte in uns aufnehmen: Wir sind “von Gott geliebt” (1, 7), “Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen” (5, 5), “Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes” (8, 39), „Eure Liebe sei ohne Heuchelei“ (12, 9), „Nur die Liebe schuldet ihr einander“ (13,8), „Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes“ (13, 10).
Diese Worte sind miteinander verbunden und bilden, über den ganzen Brief ausgespannt, gleichsam eine einzige Aussage – wie eine Botschaft in der Botschaft –, die auch am besonderen Ton erkennbar wird: Jedesmal geht die gewöhnliche Rede unvermittelt in einen Ausruf innerer Ergriffenheit über, wird pneumatisch.
1. “Von Gott geliebt”
Die Menschen, sagt Paulus in seinem Gruß, sind von Gott geliebt. Der Ausdruck “Gottesliebe” hat zwei voneinander sehr verschiedene Bedeutungen: eine, in der Gott Objekt ist, und die andere, in der Gott Subjekt ist; eine, die unsere Liebe zu Gott bezeichnet, und die andere, die Gottes Liebe zu uns meint. Der menschliche Verstand, der von Natur aus mehr dazu neigt, aktiv zu sein als passiv, hat immer der ersten Bedeutung den Vorrang gegeben, also der “Pflicht”, Gott zu lieben.
Die Offenbarung gibt aber der zweiten Bedeutung den Vorrang: der Liebe “von” Gott, nicht der Liebe “zu” Gott. Aristoteles hat gesagt, Gott bewege die Welt, “weil er geliebt wird”, d. h. weil er Objekt der Liebe und Zielursache aller Kreaturen ist.[1] Die Bibel aber sagt genau das Gegenteil, daß nämlich Gott die Welt erschafft und bewegt, weil er die Welt liebt.
Das Wichtigste bezüglich der Gottesliebe ist also nicht, daß der Mensch Gott liebt, sondern daß Gott den Menschen liebt und daß er ihn zuerst liebt: “Nicht darin besteht die Liebe, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt hat” (1 Joh 4, 10). Es ist wahr, daß das erste und größte aller Gebote darin besteht, Gott mit ganzem Herzen zu lieben. Aber die Gebote stehen nicht an erster Stelle, sondern an zweiter. Vor jedem Gebot kommt das Geschenk, die Gnade. Das Christentum ist die Religion der Gnade!
Ja, Gott ist Liebe! "Deus caritas est“. Es war so schön daß Papst Benedikt mit seiner ersten Enzyklika die Welt an diese Grundwahrheit der Bibel erinnert hat! Jemand hat gesagt: Wenn alle Bibeln der Welt durch eine Überschwemmung oder eine wütende Raserei zerstört würden, so dass nur eine einzige übrig bliebe; und wenn auch dieses Exemplar so beschädigt wäre, dass nur noch eine einzige Seite ganz wäre; und wenn diese Seite derart abgerieben wäre, dass man nur noch eine einzige Zeile lesen könnte: Wenn es die Zeile aus dem ersten Brief des Johannes wäre, in der es heißt: "Gott ist Liebe!", dann wäre die gesamte Bibel gerettet, weil diese Zeile alles beinhaltet.
In meiner Kindheit lebte ich in einem Haus auf dem Land. Dieses Haus war nur wenige Meter von einem Strommast entfernt, bei uns aber blieb es dunkel oder es gab nur Kerzenschein. Zwischen uns und dem Strommast stand eine Eisenbahn, und da der Krieg im vollen Gange war, dachte niemand daran, ein so geringes Hindernis zu überwinden. So geschieht es auch mit der Liebe Gottes: Sie ist da, sie ist griffbereit und wartet nur darauf, unser ganzes Leben zu erhellen und zu erwärmen, während wir im Dunklen und in Kälte leben.
2. “Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen”
Am Anfang des fünften Kapitels des Römerbriefes finden wir das zweite wichtige Paulus-Wort über die Liebe. “Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. Durch ihn haben wir auch den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. Mehr noch, wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber läßt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist” (Röm 5, 1–5).
Die letzte Satz erklärt uns die enge Beziehung oder besser die Gleichheit zwischen der Liebe Gottes und dem Heiligen Geist. Sie erlaubt uns, zu verstehen, was ist Pfingsten. Wenn der Heilige Geist nichts anderes ist als die Liebe Gottes, dann kann der Satz aus der Apostelgeschichte: „Alle waren erfüllt vom Heiligen Geist“ nur bedeuten: „Alle waren erfüllt von der Liebe Gottes!“. Die Apostel machten eine überwältigende Erfahrung der Liebe Gottes. Sie wurden buchstäblich „getauft“ in der Liebe.
Was aber ist diese Liebe, die durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen worden ist? Es ist buchstäblich die Liebe von Gott, d. h. die Liebe, die in Gott ist, das Feuer selbst, das in der Trinität brennt und das uns in Form der “Einwohnung” mitgeteilt wird. “Mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen” (Joh 14, 23).
Es ist der schönste Moment im Leben einer Kreatur: sich persönlich von Gott geliebt zu wissen, sich wie ins Herz der Trinität versetzt zu fühlen und sich mitten im Wirbel der Liebe zu befinden, der zwischen dem Vater und dem Sohn hin- und herströmt.
3. “Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes”
Das dritte Wort, das Paulus im Römerbrief über die Liebe sagt, ist ein existentielles Wort: Es führt uns zurück zu diesem Leben und zu seinem alltäglicheren und realistischeren Aspekt, dem Leiden:
„Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?... All das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiß: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder der Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn” (Röm 8, 35–39).
Hier zeigt uns der hl. Paulus eine Methode, das Licht der Liebe Gottes, das wir bisher betrachtet haben, auf unsere konkrete Existenz anzuwenden. Die Gefahren und die Feinde der Liebe Gottes, die er aufzählt, sind diejenigen, denen er – wie wir wissen – tatsächlich in seinem Leben ausgesetzt war: Angst, Verfolgung, Schwert … (vgl. 2 Kor 11, 23ff). Er geht sie in seiner Erinnerung noch einmal durch und stellt fest, daß keine von ihnen so stark ist, daß sie dem Vergleich mit dem Gedanken an die Liebe Gottes standhalten könnte.
Und so liegt darin zugleich eine Einladung an uns, dasselbe zu tun: unser Leben zu betrachten, so wie es sich darstellt – die Ängste, die sich darin einnisten, an die Oberfläche kommen zu lassen, ebenso die Traurigkeiten, Bedrohungen, Komplexe und jenen physischen oder moralischen Defekt, der uns daran hindert, uns selbst gelassen anzunehmen – und all das dem Licht des Gedankens auszusetzen, daß Gott uns liebt. Paulus fordert mich auf, mich selbst zu fragen: Was in meinem Leben ist es, das mich zu überwältigen sucht?
Nach der Betrachtung seines persönlichen Lebens richtet der Apostel in der zweiten Hälfte des Textes nun seinen Blick auf die Welt, die ihn umgibt. Auch hier hat er “seine” Welt im Auge mit den Mächten, die sie damals bedrohlich erscheinen ließen: der Tod mit seinem Geheimnis, das gegenwärtige Leben mit seinen Verlockungen, die Mächte der Gestirne oder die der Unterwelt, die dem Menschen der Antike so viel Furcht einflößten.
Wir sollen dasselbe tun: mit neuen Augen, die Welt betrachten, die uns umgibt und die uns Angst macht. Was Paulus “Höhe” und “Tiefe” nennt, sind für uns heute in unserer viel umfassenderen Kenntnis der Dimensionen des Kosmos das unendlich Große in der Höhe und das unendlich Kleine in der Tiefe, das Universum und das Atom. Alles ist bereit, uns zu erdrücken. Schwach und einsam ist der Mensch in einem Universum, das so viel größer ist als er und das obendrein infolge seiner wissenschaftlichen Entdeckungen noch bedrohlicher für ihn geworden ist. Aber nichts von alledem kann uns scheiden von der Liebe Gottes. Gott ist großer als das Universum, seine Liebe st@rker als deo Tod.
4. „Eure Liebe sei ohne Heuchelei“
Nun übergehen wir zum zweiten Teil unserer Betrachtung über die Liebe im Römerbrief. Die fundamentale Lehre des Apostel im Römerbrief liegt – mehr noch als in den verschiedenen Wahrheiten, die zur Sprache kommen – in der Reihenfolge, in der sie gesagt werden, d. h. in der Anordnung des Stoffes selbst. Der Apostel behandelt nicht zuerst die Pflichten des Christen (Liebe, Demut, Dienst usw.) und dann die Gnade – so als sei diese eine Folge der Pflichten –, sondern er spricht im Gegenteil zuerst von der Gerechtmachung und von der Gnade und dann von den Pflichten, die sich daraus ergeben, denn “man gelangt nicht von den Tugenden zum Glauben, sondern vom Glauben zu den Tugenden”[2].
Der Fehler, den man in der Vergangenheit gelegentlich gegenüber dem Römerbrief begangen hat, war nicht der – wie oft gesagt wird –, ihn vom übrigen Neuen Testament zu isolieren und aus ihm sozusagen einen „Kanon im Kanon“ zu machen, sondern der, den ersten Teil des Briefes vom zweiten zu lösen und auf diese Weise den Gedanken des Autors zu verstümmeln. Ein Großteil der Auseinandersetzung unter dem Thema «Glaube und Werke» ist – wie ich meine – darauf zurückzuführen, daß man dem ersten und dem zweiten Teil des Römerbriefes nicht die gleiche Bedeutung beigemessen hat.
Das wird besonders deutlich an der Art und Weise, wie Paulus von der Liebe spricht. Zuerst stellt er sie als Gnade und erhaltenes Geschenk dar (Gottes Liebe in Jesus Christus für den Menschen). Und erst danach, im zweiten, paränetischen Teil des Briefes, der mit dem 12. Kapitel beginnt, zeigt er die Liebe als Tugend, die man üben muß, als Liebe, die man Gott und den Mitmenschen geben soll. Aus der Gabe ergibt sich die Aufgabe.
Um die Grundvorstellung, die Paulus von der Nächstenliebe hat, zu erfassen, muß man von Römer 12, 9 ausgehen: “Eure Liebe sei ohne Heuchelei”. Der von Paulus im Original verwendete Ausdruck anhypòkritos (ungeheuchelt, aufrichtig) ist ein seltener Begriff, der im Neuen Testament fast ausschließlich verwendet wird, um die christliche Liebe zu definieren (vgl. 2 Kor 6,6; 1 Pt 1,22). Der erste Petrusbrief erklärt das Wort mittels einer Umschreibung, indem er dazu auffordert, sich gegenseitig beharrlich “von Herzen” (ek kardias) zu lieben.
Der hl. Paulus bringt also mit diesem einfachen Satz: “Eure Liebe sei ohne Heuchelei!” die Wurzel der Liebe selbst zur Sprache, nämlich das Herz. Was von der Liebe verlangt wird, ist, daß sie wahrhaft, authentisch, nicht vorgetäuscht ist.
Wir können im Hinblick auf die Liebe von einer Paulinischen Intuition sprechen; sie besteht darin, hinter dem sichtbaren und äußeren Universum der Liebe, das aus Werken und Worten gebildet ist, ein anderes, ganz und gar inneres Universum zu enthüllen, das im Vergleich zu jenem ersten dasselbe ist wie die Seele für den Leib.
Dieser Intuition begegnen wir noch einmal in dem anderen großen Text über die Liebe, in 1 Korinther 13. Was der hl. Paulus dort sagt, bezieht sich auf diese innere Liebe, auf die Einstellungen und Empfindungen der Liebe: Die Liebe ist langmütig, sie ist gütig, sie sucht nicht ihren Vorteil, sie läßt sich nicht zum Zorn reizen, sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles …
Nichts, was an sich und direkt das Tun des Guten oder die Werke der Liebe betrifft, sondern alles ist auf die Wurzel zurückgeführt, auf das Wohl-Wollen. Das Wohlwollen kommt vor der Wohltätigkeit. Der Apostel selbst bringt den Unterschied zwischen den beiden Sphären der Liebe eindeutig zum Ausdruck, wenn er sagt, daß die größte Tat äußerer Liebe (die ganze eigene Habe an die Armen zu verteilen) wertlos wäre ohne die innere Liebe. Es wäre das Gegenteil von “aufrichtiger” Liebe.
Die geheuchelte Liebe besteht nämlich genau darin, Wohltaten ohne Wohlwollen zu vollbringen, nach außen hin etwas zu zeigen, was im Herzen keine Entsprechung hat. In diesem Fall gibt man sich den Anschein der Liebe, der aber als Deckmantel dienen kann für Egoismus, Selbstsucht, Ausnutzung des Mitmenschen zugunsten eigener Zwecke oder auch einfach für Gewissensbisse.
Es wäre allerdings ein fataler Irrtum, die Liebe des Herzens und die Liebe der Tat in Gegensatz zueinander zu setzen oder sich in die innere Liebe zu flüchten, um darin eine Art Alibi zu finden für den Mangel an tätiger Liebe. Wir wissen, mit welchem Nachdruck die Worte Jesu (Mt 25), des hl. Jakobus (2, 16f) und des hl. Johannes (1 Joh 3, 18) zur tätigen Liebe drängen.
Wir kennen auch die Bedeutung, die der hl. Paulus selbst den Kollekten zugunsten der Armen von Jerusalem beimaß. Und wenn gesagt wird, daß auch das Verschenken der ganzen Habe an die Armen ohne die Liebe “mir nichts nützte” (vgl. 1 Kor 13, 3), so bedeutet das noch lange nicht, daß es niemandem nützt und sinnlos ist; es bedeutet eben nur, daß es “mir” nichts nützt, während es für den Armen, der sie empfängt, durchaus von Nutzen sein kann.
Es geht also nicht darum, die Bedeutung der Werke der Liebe zu schmälern, sondern vielmehr darum, ihnen ein zuverlässiges Fundament gegen den Egoismus zu sichern. Der hl. Paulus will, daß die Christen “in der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet” sind (Eph 3, 17), daß also die Liebe die Wurzel und das Fundament von allem ist. Aufrichtig zu lieben bedeutet, in dieser Tiefe zu lieben, wo du nicht mehr trügen kannst, weil du vor dir selbst allein bist, unter den Augen Gottes.
Aufrichtige Liebe ohne Heuchelei war die Liebe des Apostel Paulus fhr die Mitglieder seines Jüdischen Volks wenn er schreiben kann:
»Ich sage in Christus die Wahrheit und lüge nicht, und mein Gewissen bezeugt es mir im Heiligen Geist: Ich bin voll Trauer, unablässig leidet mein Herz. Ja, ich möchte selber verflucht und von Christus getrennt sein um meiner Brüder willen« (Röm 9, 1–3).
5. „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses“
Die Liebe ist wahrhaftig die universale Lösung. Augustinus faßt das in die Worte: “Liebe, und tu, was du willst!”. Diese Regel ist allerdings bisweilen mit Argwohn betrachtet worden: Ist nicht gerade sie das Argument, das manche anführen, um alle Arten von sexueller Unordnung zu rechtfertigen? Doch Augustinus erklärt, was er sagen will. Es ist schwierig, in jedem einzelnen Fall festzulegen, was am besten zu tun ist: ob schweigen oder reden, ob laufen lassen oder korrigieren … Aber wenn in dir die Liebe ist, dann wird, was immer du tust, das Richtige sein, denn “die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses” (Röm 13, 10)[3].
Die Liebe ist das einzige, was wir allen schuldig sind: “Bleibt niemand etwas schuldig; nur die Liebe schuldet ihr einander immer” (Röm 13, 8). Jeder Mensch, der dir begegnet, ist für dich ein Gläubiger, der kommt, um die Schulden einzutreiben, die du bei ihm hast. Vielleicht verlangt er von dir etwas, das du ihm nicht gewähren kannst oder ihm in manchen Fällen sogar verweigern mußt; doch auch wenn du ihn wegschickst, ohne seinem Wunsch zu entsprechen, gib acht, daß du ihn nicht ohne das gehen läßt, was du ihm immer schuldig bist, nämlich die Liebe. Gott hat dir in Christus eine Liebe gegeben, die mit den Mitmenschen geteilt werden muß. Diese Liebe gehört dir nicht; dein Nächster hat das Recht, seinen Teil einzufordern.
Die innere Liebe, auf die uns der Apostel bis jetzt hingewiesen hat, ist die Liebe, die wir alle immer praktizieren können. Sie ist nicht nur universal, sondern außerdem auch sehr konkret. Es handelt sich nämlich nicht darum, einen abstrakten Kampf gegen die eigenen Gedanken zu führen, sondern darum, daß wir beginnen, Menschen und Situationen in unserer Umgebung mit neuen Augen anzusehen. Nach Gelegenheiten, um dieses Programm zu realisieren, brauchen wir nicht lange zu suchen: sie kommen von selbst ständig auf uns zu. Es sind die Menschen, mit denen wir noch morgen zu tun haben werden.
Es genügt, daß du dich “entschließt”, die Menschen mit dieser aufrichtigen Liebe sehen zu wollen, und du wirst mit Erstaunen feststellen, daß ein ganz anderes Verhalten ihnen gegenüber möglich ist. Als öffne sich in dir ein anderes Auge, verschieden von dem gewöhnlichen, natürlichen. Alle Beziehungen verändern sich. Es gibt keine Situation, in der wir nicht etwas tun können, um in diesem Bemühen voranzukommen.
6. „Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes“
In der Sicht des hl. Paulus ist die Liebe in den beiden Formen, die wir betrachtet haben (als Gottes Liebe zu uns und als unsere Liebe zu Gott und zu den Nächsten) das neue, innere Gesetz der Christen:
„Wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die Gebote: Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren!, und alle anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefaßt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes“ (Röm 13,8-10).
Martin Luther hat meiner Meinung nach die beste Erklärung dafür gegeben, wie die Liebe als neues Gesetz wirkt. In einer Pfingstpredigt sagt er: Solange der Mensch “für sich selbst”, also unter der Herrschaft der Sünde lebt, erscheint Gott ihm unvermeidlich als Gegenspieler und Hindernis. Zwischen ihm und Gott besteht eine heimliche Feindschaft, die das Gesetz nur deutlich erkennbar macht.
Der Mensch “begehrt”, will bestimmte Dinge, und Gott ist derjenige, der ihm durch seine Gebote den Weg versperrt, indem er sich mit seinen Forderungen: “Du sollst” und “Du sollst nicht” den Wünschen des Menschen entgegenstellt. Paulus sagt: “Das Trachten des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott; es unterwirft sich nicht dem Gesetz Gottes” (Röm 8, 7).
Der „alte Mensch“ – also der Mensch, der nur „für sich selbst“ lebt –, befindet sich zwangsläufig in Auflehnung gegen seinen Schöpfer, und – sagt Luther – es wäre ihm sogar am liebsten, wenn Gott gar nicht existieren würde… Es genügt, daß uns – durch eigene Schuld, durch Widerstreit oder einfach weil Gott es zuläßt – manchmal das Empfinden der Gegenwart Gottes abhanden kommt, und schon entdecken wir, daß wir in uns nur noch Zorn, Auflehnung und eine ganze Front der Feindseligkeit gegen Gott und die Mitmenschen spüren.
Wenn aber der Heilige Geist “die Liebe Gottes” in das Herz trägt, dann geschieht eine Wandlung. Hatte der Mensch vorher einen “stillen Groll gegen Gott” gehegt, kommt nun der Geist zu ihm und bezeugt ihm, daß Gott ihm wirklich gewogen und gut gesonnen ist, daß er sein “Verbündeter” und nicht sein Feind ist. Er hält ihm all das vor Augen, was Gott für ihn zu tun imstande war und wie er seinetwegen nicht einmal seinen eigenen Sohn verschont hat. Auf diese Weise erweckt er gleichsam in ihm einen anderen Menschen, der Gott liebt und gern tut, was Gott ihm gebietet.[4] Bis hier die Erklärung Luthers.
Das neue Gesetz oder „Gesetz des Geistes“ (Röm 8, 2), ist daher im strengen Sinne nicht das von Jesus auf dem Berg der Seligpreisungen verkündete, sondern jenes, das er an Pfingsten in die Herzen eingeprägt hat. Ohne die innere Gnade des Geistes wäre also auch das Evangelium, wäre auch das neue Gebot altes Gesetz, Buchstabe geblieben. Indem er einen kühnen Gedanken des hl. Augustinus aufgreift, schreibt der hl. Thomas von Aquin:
“Unter ›Buchstabe‹ ist jedes geschriebene Gesetz zu verstehen, das außerhalb des Menschen bleibt, auch die im Evangelium enthaltenen moralischen Vorschriften; weshalb auch der Buchstabe des Evangeliums töten würde, wenn sich nicht im Innern die Gnade des heilenden Glaubens dazugesellte.”[5]
7. Die Liebe schützt das Gesetz, und das Gesetz schützt die Liebe
Welchen Stellenwert hat in dieser neuen Ökonomie der Liebe und des Geistes die Befolgung der Gebote? Die christliche Antwort zu diesem Problem finden wir im Evangelium. Jesus sagt, er sei nicht gekommen, um “das Gesetz aufzuheben”, sondern um es zu “erfüllen” (vgl. Mt 5, 17). Und was ist die “Erfüllung” des Gesetzes? “Die Erfüllung des Gesetzes ist die Liebe”, antwortet der Apostel (Röm 13, 10). Am Gebot der Liebe – sagt Jesus – “hängt das ganze Gesetz samt den Propheten” (vgl. Mt 22, 40).
Die Liebe ersetzt also nicht das Gesetz, sondern sie befolgt, sie “erfüllt” es. Ja, sie ist sogar die einzige Kraft, die uns befähigen kann, es zu befolgen. Zwischen Liebe und Gesetz spielt sich eine wunderbare Wechselwirkung ein, eine Art Kreislauf und gegenseitige Durchdringung. Wenn es nämlich zutrifft, daß die Liebe das Gesetz erfüllt, dann trifft es ebenso zu, daß das Gesetz die Liebe schützt.
Dieses gilt zuerst für die menschliche Liebe zwischen Mann und Frau. In der Enzyklika Papst Benedikts, Deus caritas est (n. 6) lesen wir: "Zu den Aufstiegen der Liebe und ihren inneren Reinigungen gehört es, daß Liebe nun Endgültigkeit will, und zwar in doppeltem Sinn: im Sinn der Ausschließlichkeit – 'nur dieser eine Mensch' – und im Sinn des 'für immer'. Sie umfaßt das Ganze der Existenz in all ihren Dimensionen, auch in derjenigen der Zeit. Das kann nicht anders sein, weil ihre Verheißung auf das Endgültige zielt: Liebe zielt auf Ewigkeit."
In unserer Gesellschaft fragt man sich immer häufiger, welches Verhältnis zwischen der Liebe zweier junger Menschen und dem Gesetz der Ehe besteht; wozu die Liebe, die Schwung und Spontaneität ist, sich "binden" sollte. So werden diejenigen, die die Institution Ehe ablehnen und die so genannte "freie" Liebe oder die eheähnliche Gemeinschaft wählen, immer zahlreicher.
Nur wenn wir die tiefe und lebendige Verbindung zwischen Gesetz und Liebe, zwischen Entscheidung und Institution entdecken, dann werden wir die Fragen gut beantworten und den Jugendlichen einen überzeugenden Beweggrund bieten können, sich zu "binden", um auf ewig zu lieben und keine Angst zu haben, aus der Liebe eine "Pflicht" zu machen. Der Philosoph Søren Kierkegaard, der nach Plato die schönsten Dinge über die Liebe schrieb, sagt:
"Nur wenn die Pflicht zu lieben besteht, nur dann ist die Liebe für immer vor allen Veränderungen bewahrt; für immer in seliger Unabhängigkeit befreit; in ewiger Seligkeit gegen jegliche Verzweiflung gesichert“[6].
Die Bedeutung dieser Worte ist, daß die liebende Person, je mehr sie liebt, desto mehr mit Sorge wahrnimmt, in welcher Gefahr sich ihre Liebe befindet. Es handelt sich um eine Gefahr, die nicht von dem anderen ausgeht, sondern von ihr selbst. Sie weiß genau, daß sie unbeständig ist und daß sie morgen schon genug haben und nicht mehr lieben könnte.
Und weil sie jetzt, da sie sich im Licht der Liebe befindet, klar sieht, welch einen nicht wieder gutzumachenden Verlust das mit sich brächte, wappnet sie sich dagegen, indem sie sich bindet, indem sie sich dazu entschließt, mit dem Band der Pflicht zu lieben und auf diese Weise ihre in der Zeit gesetzte Handlung der Liebe in der Ewigkeit verankert.
Odysseus sehnte sich danach, seine Heimat und seine Ehefrau wiederzusehen. Er mußte aber durch den Ort der Sirenen hindurch, die mit ihrem Gesang die Seefahrer betörten und sie dazu führten, an den Klippen zu zerschellen. Was machte er also? Er ließ sich an den Schiffsmast fesseln, nachdem er die Ohren seiner Gefährten mit Wachs verstopft hatte. Als sie den Ort erreichten, schrie er wie wahnsinnig, um losgebunden zu werden und die Sirenen erreichen zu können. Aber die Gefährten konnten ihn nicht hören. So wurde es ihm möglich, seine Heimat wiederzusehen und seine Frau und sein Kind wieder in die Arme zu schließen [7].
Dies ist lediglich ein Mythos, aber er hilft doch, den menschlichen und existentiellen Grund der "Unauflöslichkeit" der Ehe und – auf einer anderen Ebene – der Ordensgelübde zu verstehen. Die Pflicht zu lieben schützt die Liebe vor der "Verzweiflung" und macht sie "glücklich und unabhängig" – in dem Sinne, daß sie sie vor der Verzweiflung schützt, nicht ewig lieben zu können.
Gebt mir einen wahrhaft Liebenden, sagte der bereits genannte Denker, und er wird euch sagen, ob es in der Liebe einen Gegensatz zwischen Vergnügen und Pflicht gibt, ob der Gedanke, das ganze Leben lang lieben zu "müssen", ihm Angst und Sorge einjagt oder nicht vielmehr die höchste Freude und das größte Glück.
Der seligen Angela von Foligno hat Christus ein Wort gesagt, das berühmt geworden ist: "Ich habe dich nicht zum Spaß geliebt!"[8] Die Liebe hat eine glänzende und heitere Dimension, aber sie selbst ist kein Spiel. Sie ist das Ernsthafteste und Folgenreichste, das es auf der Welt gibt. Das Leben und das Glück der Menschen hängen davon ab. In einer seiner Tragödien vergleicht Aischylos die Liebe mit einem kleinen Löwenjungen, das im Haus aufgezogen wird. Zuerst ist es "fügsamer und zärtlicher als ein Kind" und läßt mit sich scherzen. Als erwachsenes Tier ist es allerdings imstande, ein blutiges Gemetzel im Haus anzurichten[9].
Ich hoffe daß der heilige Paulus uns geholfen hat, etwas von der Tiefe und Schönheit der Liebe zu verstehen und zugleich unsere Verantwortung zu begreifen, sie nicht zu verschwenden oder zu verraten.
[1] Aristoteles, Metaphysik, 1072 b (XII, 7).
[2] Gregor der Große, Homiliae in Ezechielem, II, 7 (PL 76, 1018).
[3] Augustinus, In Epistolam Ioannis ad Parthos 7, 8 (SCh 75, 328).
[4] Vgl. M. Luther, Pfingstpredigt (Ein Sermon auf den Pfingsttag), Weimarer Ausgabe 12, S. 568ff.
[5] Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I-II, q. 106, a. 2.
[6] S. Kierkegaard, Der Liebe Tun, I, 2, 40.
[7] Odyssee, XII. Gesang.
[8] Das Buch der seligen Angela von Foligno, Instructio 23.
[9] Aischylos, Agamennon, 717 ff.
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